VERITAS Institut für Geschichtsforschung und Archiv

Eine Umdeutung der jüngeren ungarischen Geschichte und eine gelenkte Neuinterpretation des Jahres 1989 wirft die „Süddeutsche Zeitung“ in einem Gastbeitrag  vom 24, Juni der Regierung Viktor Orbáns vor. Das Blatt knüpft seine Betrachtung an das „Ende des 1956-Instituts als unabhängige Einrichtung“ an, das vor drei Jahrzehnten zur Erforschung des Volksaufstandes von 1956 und des Spätsozialismus gegründet worden war. Schon im Vorfeld waren in den achtziger Jahren beteilige Wissenschaftler vom amerikanisch-ungarischen Investor George Soros finanziell unterstützt worden.

Bereits 2012 habe Orbán die Integrierung des 1956-Instituts und seiner Quellensammlung in die Ungarische Nationalbibliothek angeordnet, schreibt das Blatt. Nun habe die Fidesz-Regierung angekündigt, dass  das 1956-Institut vom Veritas Institut für Geschichtsforschung übernommen werde, das dem Ministerpräsidenten direkt unterstellt sei und die historische Lesart einer „wahren ungarischen Kultur“ – wie die Zeitung bemerkt – nach dem Geschmack der politischen Führung verbreitet. „Die feindliche Übernahme des 1956-Instituts erfolgt nun genau 30 Jahre nach seiner Gründung“, heißt es weiter.

„Orbáns Rückkehr an die Macht 2010 und seine zweifache triumphale Wiederwahl belegen die Popularität seiner historischen und politischen Geschichtsdarstellung“, räumt die Zeitung ein. „Orbán genießt nun den Rückhalt eines Großteils der Bevölkerung für seine breit angelegte Kampagne gegen missliebige Stimmen im Wissenschaftsbetrieb.“ Vor allem die Soziologie sowie Geschichts- und Politikwissenschaften seien dem Regime schon lange ein Dorn im Auge gewesen, denn sie stünden angeblich unter dem Einfluss von Soros.

Mit dem Ende des 1956-Instituts verbleibe keine akademische Einrichtung der Geistes- oder Sozialwissenschaften, in der die Freiheit der Forschung gewährleistet sei. Genderstudies seien als unwissenschaftlich deklariert, Themen wie Migration oder Homosexualität öffentlich als Steuergeldverschwendung angeprangert worden, wirft das Blatt der ungarischen Führung vor. Die von Soros begründete Central European University stehe vor dem Aus, die Akademie der Wissenschaften verliere ihre Forschungseinrichtungen, die das Innovationsministerium übernimmt.