VERITAS Institut für Geschichtsforschung und Archiv

Von Attila Seres

11. Juni 2020

In diesem Beitrag wollen wir auf eine zu den Kuriositäten zählende Publikation, eine sowjetische Broschüre über den Friedensvertrag von Trianon vom 4. Juni 1920 aufmerksam machen. Sie ist deshalb etwas Besonderes, weil es bis heute nicht zu ihrer wissenschaftlichen Verarbeitung und Interpretation gekommen ist, obwohl sie sechs Jahre nach Unterzeichnung des Friedensdiktats veröffentlicht wurde.  

Zur Entstehungsgeschichte der Broschüre müssen wir eine der wichtigsten Triebfedern des sowjetischen außenpolitischen Kurses nach dem Ersten Weltkrieg verstehen. Die Sowjetunion war die einzige europäische Macht, die an der Schaffung des Friedenssystems von Versailles nicht beteiligt war. Die Propaganda der sowjetischen bolschewistischen Partei nannte die im Rahmen der Regelung abgeschlossenen Friedensverträge „imperialistischen Raubfrieden”. Die Beteuerung der Ungerechtigkeit des Friedenssystems nach dem Krieg diente auch geopolitischen und ideologischen Zwecken. Moskau erkannte die Abtrennung West-Belorusslands, der West-Ukraine sowie Bessarabiens, die einst zum zaristischen Russland gehört hatten, im Rahmen des Friedenssystems nicht an. Außerdem wollte es das „revolutionäre Gären” in den Staaten Mittel- und Osteuropas durch  Ausnutzen der Gegensätze zwischen Siegern und Verlierern aufrechterhalten. Die bolschewistische Doktrin bot den nationalstaatlichen Gegensätzen gegenüber eine illusorische Alternative an: die friedliche Zusammenarbeit der Arbeiterschaft von unterschiedlichen Ethnien im Geiste des Internationalismus und in einer dem sowjetischen Staatsaufbau ähnlichen föderativen Struktur. Dieser außenpolitische Kurs dauerte – mit kleineren oder größeren Akzentverschiebungen – bis  1933–1934, da in der sowjetischen Außenpolitik eine Wende eintrat, als sich der Kreml von einer nach Destabilisierung des Systems von Versailles strebenden Kraft zu einem Machtfaktor veränderte, der sich für die Festigung des neuen europäischen Friedenswerkes einsetzte.  

Mit der Absicht der gesellschaftlichen Popularisierung der sowjetischen politischen Argumentation initiierte das führende außenpolitische Organ der sowjetischen Regierung, das Volkskommissariat für auswärtige Angelegenheiten, dass der Text der mit den Verlierermächten geschlossenen Friedensverträge in russischer Übersetzung, mit Kommentaren versehen, im  Wortlaut veröffentlicht wird. Die Bände der Reihe Folgen des  imperialistischen Krieges  wurden vom Rechtswissenschaftler Univ. Prof. Juri Veniamovitsch Kljutschnikow (1883–1938) und einem der führenden Diplomaten des Volkskommissariats, Andrei Wladimirovitsch Sabanin (1887–1938), zusammengestellt. Die ersten drei Bände der Reihe über die Friedensverträge von Versailles, Saint Germain und Neuilly erschienen 1925, der Band, der den Friedensvertrag von Trianon behandelte, 1926. Die Serienteile hatten eine Auflage von je 1000 Exemplaren, woran zu erkennen ist, dass sie nicht für den amtsinternen Gebrauch bestimmt waren.

Sabanin war der Redakteur des Teiles über Trianon, den einführenden Beitrag von 25 Seiten  verfasste Kljutschnikow, und nach der vollständigen russischen Übersetzung des Friedensvertrags schließt ein Sachregister den Band. Die Autoren stellten ein „Register” zusammen, aus dem sich der sowjetische Leser – innerhalb des engen Rahmensystems der Möglichkeiten, Kenntnisse zu erlangen –  relativ  ausreichend über den Friedensvertrag zwischen den Siegern und Ungarn informieren konnte. Nach dem Lesen von Kljutschnikows einführender Studie fällt auf, dass man darin im Vergleich mit der Phraseologie sowjetischer politischer Pamphlete aus der damaligen Zeit kaum klischeehafte Redewendungen findet. Es entsteht nicht der Eindruck, als ob der Autor dem Leser ein Propagandaprodukt aufnötigen wollte. Man kann einen grundlegend unvoreingenommenen, um Objektivität bemühten Text lesen. Kljutschnikow war bestrebt, den Vorgang der Friedensverhandlungen und die schweren Folgen des Vertrags auch aus der Sicht der ungarischen Seite zu verstehen: Er geht zum Beispiel ausführlicher auf Albert Apponyis Rede vom 16. Januar ein und behandelt in einem gesonderten Kapitel die geografischen und demografischen Verluste Ungarns nach Trianon und die Suche der ungarischen Wirtschaft nach Auswegen.

In  gewisser Hinsicht galten sowohl Sabanin als auch Kljutschnikow als „außerhalb des Systems Stehende”, denn keiner von ihnen war nach unseren bisherigen Kenntnissen in die kommunistische Partei eingetreten. Es mag verblüffend klingen, dass sie in der Sowjetära dennoch eine außergewöhnliche Karriere machten. Das war dem Umstand zuzuschreiben, dass sie über Qualitäten verfügten, derentwegen das System sie brauchte. Wir können sie am ehesten in die Kategorie der „anpassungsfähigen Intelligenz” einordnen: Sie akzeptierten den vom System gebotenen Rahmen und die Privilegien, und sie waren inzwischen darum bemüht, ihren Spielraum maximal zu nutzen, um ihre fachliche und wissenschaftliche Autonomie zu wahren. Sabanin begann seine Karriere noch 1908 im Außenministerium des zaristischen Russlands, wo er weitgehende diplomatische Erfahrungen sammelte, weswegen auch die bolschewistische auswärtige Leitung seine Dienste brauchte. Zwischen 1920 und 1937 leitete er die Rechtsabteilung des Volkskommissariats für auswärtige Angelegenheiten. Kljutschnikow wurde während des Kriegs zum Dozenten der Juristischen Fakultät der Moskauer Universität ernannt und begann in der Kadettenpartei  Politik zu betreiben. Im Bürgerkrieg leitete er kurze Zeit das Außenministerium der Regierung des Admirals Koltschak, die den Bolschewiki gegenüberstand. Nach dem Bürgerkrieg war er gezwungen zu emigrieren. Der auswärtige Volkskommissar Georgi Tschitscherin lockte ihn nach Hause, so dass er von 1923 an das  Institut für Völkerrecht der Kommunistischen Akademie leitete, die als das wichtigste Forschungsinstitut für Gesellschaftswissenschaften der Sowjetunion galt. Spektakuläre Positionen im Beruf und im Amt waren jedoch in der Sowjetunion mit „politischer Unabhängigkeit” nicht zu vereinbaren: 1937 wurden beide Mitglieder des Autorenpaares, unter deren Namen mehrere Bände erschienen waren,  der „Teilnahme an einer konterrevolutionären Spionage- und Terrororganisation” beschuldigt, verhaftet und 1938 hingerichtet. Beide wurden Opfer des stalinistischen Terrors.