VERITAS Institut für Geschichtsforschung und Archiv

10. März 2016

Bekanntlich ist das VERITAS Institut für Geschichtsforschung ebenfalls aktiver Mitgestalter des von der ungarischen Regierung, konkreter vom Ministerium für Humanressourcen, initiierten Gedenkjahres Gulag-GUPVI beziehungsweise durch die Person seines Generaldirektors Sándor Szakály, Mitglied des zu diesem Anlass ins Leben gerufenen Gedenkkomitees. Zahlreiche Initiativen sind mit dem VERITAS Institut verbunden, um das Gedenkjahr würdig zu begehen und inhaltlich denkwürdig zu machen. Zu ihnen gehört die Veranstaltungsreihe Gulag-Filmabende, die das Institut gemeinsam mit dem Budapester ArtKino Tabán organisiert.

Am jüngsten Abend der im März begonnenen Filmvorführungen am 10. März konnte das Publikum einen weiteren Teil der Filmreihe des Regisseurs Sándor Sára mit dem Titel Schwere Schicksale ansehen. Das ArtKino war bis zum letzten Platz gefüllt, als die Aufnahmen mit Károly Olofsson, alias Pater Placid, gezeigt wurden. Der Historiker-Experte dieses Abends war Dr. Kálmán Árpád Kovács, wissenschaftlicher Mitarbeiter des VERITAS Instituts, der auf den Gebieten Kirchengeschichte und staatliche Kirchenpolitik forscht. In der Einführung ging er darauf ein, dass er zwar kein Experte der kommunistischen Ära ist, denn er forscht in erster Linie Themen vor 1918. In drei Vorträgen und zwei Studien vertiefte er sich allerdings in die Kirchenpolitik dieser Epoche. Aus persönlicher Motivation sammelte er Material, auf dem er auch jetzt aufbauen kann. Seine noch nicht veröffentlichten Interviews konnte er mit Mitgliedern der Familie, der Verwandtschaft, mit Bekannten und Freunden führen, unter denen es zahlreiche gläubige Menschen gibt.

Aufgrund dieser Kenntnisse verpflichtete sich Kálmán Kovács, diesen Filmabend zu begleiten. Dabei umriss er die Interpretationskoordinaten des Werkes: das politisch-ideologische Verhältnis zwischen dem Christentum als Glaubensentität und dem Sozialismus/Kommunismus, die Charakterzüge der bolschewistischen und kommunistischen Kirchenpolitik sowie die Theologie des Leidens.

Auf der ersten Ebene der Interpretation ist zu erwähnen, dass der 2000 Jahre alten Geschichte des Christentums die weniger als 200jährige Geschichte des Sozialismus gegenübersteht. Obwohl die meisten Formen der sozialistischen Ideologie einen massiven Kampf gegen Religionen geführt hatten, müssen wir – ohne die Bedeutung des Sozialismus gering zu schätzen – behaupten, dass die Menschen, die sich als Christen bekannten, ihre Überzeugung im Laufe der Geschichte authentischer vertreten konnten als die Sozialisten. Die Religionskritik des Sozialismus wurde durch vier dogmatische Grundthesen von Marx, Engels und ihren Gesinnungsgenossen determiniert: Das (materielle) Dasein determiniere das (geistige) Bewusstsein und nicht umgekehrt; der Mensch forme die Religion und nicht die Religion den Menschen. Ferner: Die Religion sei das Opium des Volkes, das es betäubt und von seiner historischen Mission ablenkt, vom Führen des Klassenkampfes fernhält. Schließlich sei die Religion die Essenz der Klassengesellschaft, gegen die zu kämpfen gleichzusetzen sei mit dem Kampf gegen die Klassengesellschaft.

Die Religion ist kein Opium, sondern die Burg der Seele

Auf der zweiten Ebene der Interpretation führte der Experte aus, dass der bolschewistische Kommunismus von 1917 an eine blutige Religionsverfolgung betrieb. Eine entsetzliche Zahl dazu ist, dass im Vergleich zur Gesamtzahl von Priestern und Mönchen im letzten Friedensjahr 1913 rund 85-90% die Gulags durchmachten. Diese Hölle auf Erden forderte das Leben von zwei Dritteln der kirchlichen Personen, die in diese Arbeitslager geschickt worden waren. Die Religionsverfolgung betraf allerdings nicht nur die russisch-orthodoxe Kirche, sondern auch in mindestens gleichem Maße die dort lebenden kleineren Religionsgemeinschaften, die Römisch-Katholiken und auch Angehörige protestantischer Kleinkirchen. Obwohl Stalin in den Jahren 1941–1943 im Interesse des Erfolgs des Großen Vaterländischen Krieges eine politische Wende vollzog, die an der Oberfläche eine gewisse Entspannung brachte, blieben die früheren Unterdrückungstendenzen im wirklichen gesellschaftlichen Leben unverändert. Ihnen dienten § 58 im sowjetischen Strafgesetzbuch und dessen Absätze hauptsächlich bezüglich der Verbreitung feindlicher Ideologie und der antisowjetischen Agitation, die als Gummiparagraphen wirkten. Für die atheistische Macht zählte nämlich jede religiöse Botschaft ab ovo als staatsfeindliche Agitation.

In seinem Referat dementierte Kálmán Árpád Kovács den allgemein verbreiteten Irrtum, wonach die Glaubensverfolgung in Ungarn erst zu Weihnachten 1948 begann. Prinzip und Praxis der Religionsverfolgung kamen in der Tat bereits Ende 1944 mit den sowjetischen Besatzungstruppen in Ungarn an. Obwohl es sich dem Anschein nach um isolierte Fälle handelte, scheinen sie – auf die Landkarte projiziert – sich zu einem System zusammenzusetzen, aus dem die zur Belehrung dienende ausreichende Information darüber schon damals einen jeden Akteur der Epoche erreichte, was im Land vor sich ging und was auf uns noch zukommen würde. Zur Durchführung dieser Atrozitäten fand die Sowjetarmee immer die entsprechenden ungarischen Helfer vor, unter denen es Moskowiter und illegale Kommunisten, rachsüchtige Holocaust-Überlebende, irregeführte und aufgehetzte Mitglieder der armen Bauernschicht und Personen gab, die ihre Pfeilkreuzler-Vergangenheit gern hätten in Vergessenheit geraten lassen. Es erscheint also: Wenn der kleine Mann, ein Benediktiner-Lehrer in das Räderwerk einer sich einrichtenden Machtmaschinerie fällt, können sie ihn dennoch nicht zermalmen, im Gegenteil: Die Zahnräder werden daran schartig. Und dieser Fakt führt uns von den bisherigen horizontalen Koordinaten zu den Vertikalen.

Nur wenige wissen, dass die Theologie des Leidens eines der wesentlichen Elemente des Christentums ist, legte der Historiker dar. Wie lautet dies im Gebet des Herrn, dem Vaterunser? So: „Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen!” Die Versuchung bedeutet hier keine Verlockung zur Unsittlichkeit, sondern die Situation, in welcher es schwierig ist, im Glauben zu verbleiben. In dieser Situation greift der Verlockende sofort an, der dem Leidenden glaubhaft machen will, dass sich Gott schon von ihm abwendet. Jene, die als gläubige Menschen über Leiden berichteten, zeugten alle davon, dass es am schwersten war, diese seelische Versuchung und nicht die körperliche Pein zu ertragen. Wer jedoch durch die Kraft des Glaubens und des Gebets widerstehen konnte, dem ließ Gott ein besonders Erlebnis zuteil werden, nämlich dass sich parallel zur Einengung der horizontalen Freiheit vor dem Menschen die vertikale Freiheit auftut. In dieser Lage erlebt der Mensch, dass er nicht durch Zufall, sondern dank der alles besser wissenden Gnade hierher kam und sie in dieser Situation so nutzen will und kann, wie sie dies nie gedacht hätte. Die Freiheit besteht hier darin, dass man der Herrlichkeit Gottes sogar noch in dieser Situation dienen kann, was einen glücklich macht, die irdischen Leiden überstrahlt, erläuterte Kálmán Árpád Kovács die höchste Lehre.

Der Mensch lebt nicht vom Brot allein…

Anschließend ging das Licht aus, der Film begann. Pater Placid stellte seine Nöte mit einer so versöhnenden Heiterkeit und einem gesegneten Humor dar, dass die Zuschauer oft zu lächeln begannen oder in stilles Lachen ausbrachen. Nach Ende des Filmes bot Kálmán Kovács die Möglichkeit, Meinungen zu äußern oder Fragen zu stellen. Hier seien einige der denkwürdigsten Diskussionsbeiträge erwähnt.

Als Mitglied der Gemeinde der Budapester St. Emmerich-Kirche und als naher Freund des Paters machte ein älterer Herr die Zuschauer auf die vier Regeln des Überlebens aufmerksam. Als Antwort verwies der Experte auf Vers 4 im Teil 4 des Briefes von Apostel Paulus an die Philipper, den er, angekettet an einen römischen Soldaten, schrieb, sowie auf den vom Pater geschilderten Trick mit dem „Porträtmalen”. Über Ähnliches berichtete fast jeder seinerInterviewpartner, die dies alle für eine Gabe des Heiligen Geistes hielten. Wir können dies für Gottes Humor halten, wofür man aus der biblischen und der Kirchengeschichte zahllose Beispiele bringen kann, die zeigen, dass dem Gläubigen oft auch das Unmögliche möglich wird.

Auf den letzten Gedanken des Diskussionsredners reflektierend führte Kálmán Kovács aus, dass die drei Punkte „man darf die Leiden nicht überdramatisieren”, „man muss die kleinen Freuden des Lebens” und „Halt suchen, der für den Gläubigen natürlicherweise der Glaube ist” – auch im Film zu hören waren. Der Gedanke jedoch, „von Tag zu Tag zeigen zu müssen, ich bin ein besserer Mensch, als meine Wärter” kam nicht vor. Er machte darauf aufmerksam, dass Pater Placid auf das Mittel des elementaren Lebensunterhaltes, das Brot, verzichten konnte, um eine Messe lesen und sein seelisches Bedürfnis, bei Christus zu sein, erfüllen zu können. Es war eine allgemeine Erfahrung, dass derjenige, der moralisch zusammenbrach und auf egoistische Weise anfing, nur für sich zu arbeiten, früher oder später von einem Ereignis (z.B. einer Krankheit) eingeholt wurde, das seine falsche Sicherheit vernichtete. Wer aber im Interesse eines größeren Zieles Opfer bringen konnte, dem wurde dieser Verzicht auf irgendeine geheimnisvolle Art und Weise ersetzt. Erinnern wir uns: Mit einem Körpergewicht von 42 Kg und angeschwollenen Beinen eine harte physische Arbeit zu leisten und inzwischen sogar auf die Brotportion, die einen am Leben erhielt, zu verzichten und dabei noch am Leben zu bleiben – das ist ein mit gesundem Menschenverstand unbegreifliches Wunder!

Eine Frau berichtete über ihr Familienerlebnis. Ihre Eltern bekamen leider kein zweites Kind, auch sie wurde in diesem denkwürdigen Haus geboren, wo sie 62 Jahre lang lebte. Die Geschichte: Ihre Eltern lernten einander auf dem Heimweg vom Lager kennen und heirateten. Die junge Frau blieb am Tor des Heimes ihrer Familie stehen; wie Pater Placid, hatte auch sie Angst, dass ihre alte Mutter durch die plötzliche Freude stirbt, daher schickte auch sie den „Unbekannten” (ihren neben ihr stehenden Gatten ) vor sich zu der Mutter hinein.

Menschlichkeit und Unmenschlichkeit hängen nicht von der Religion ab

Der im Gulag gewesene Vater eines 1944 geborenen Mannes durfte während seines ganzen Aufenthaltes dort zwei oder drei Briefe – von jeweils einigen Zeilen – nach Hause schicken. In einem von ihnen stand der Satz: „Und mit uns ist Pater Placid.” Jetzt verstehe er, warum sein reformierter Vater diesem Fakt an der so eng bemessenen und eben deshalb so wertvollen Stelle so einen Nachdruck verlieh. Kálmán Kovács brachte dazu in seiner Reaktion das Beispiel der ruthenischen Dienstmagd seiner Großmutter väterlicherseits. Sie war eine Heldin, die das Dorf Nemesgörzsöny in einer bedrohlichen Situation rettete. Die eindringenden sowjetischen Truppen trieben nämlich die zu Hause gebliebene männliche Bevölkerung im wehrpflichtigen Alter aus ihren Verstecken heraus und ließen sie an einer Wand in Reih und Glied Aufstellung nehmen. Marischka überzeugte einen Leutnant – indem sie ihm ein Loch in den Bauch redete –, dass die Männer alle Zivilisten seien, unter ihnen war auch der reformierte Lehrer des Dorfes. Menschlichkeit hängt nicht von der Religion oder der Nationalität ab, leider die Unmenschlichkeit ebenfalls nicht. Für ihre Wohltat wurde sie zur sowjetischen Kommandantur in Pápa als Dolmetscherin beordert. Als sie hin und wieder nach Hause entlassen wurde, klagte sie ihr Lied, wofür die Offiziere sie „benutzt” hatten. Als die Sowjets die Stadtkommandantur in Pápa auflösten, wurde auch sie mitgenommen. Ihre „Herren” ließen sie suchen, es stellte sich allerdings heraus, dass auch sie aufgeflogen war und als „geflohene sowjetische Staatsbürgerin” (die sie niemals war) nicht in die Karpatoukraine repatriiert, sondern direkt nach Sibirien deportiert wurde. (Ihr weiteres Schicksal ist unbekannt.) Durch ihr Schicksal sollten wir das jenes Mädchens verstehen, die Pater Placid vor dem sowjetischen Militärgericht in Budapest ungehemmt fluchend dolmetschte.

Eine Frau erinnerte an die Tatsache, dass Pater Placid von der Staatssicherheit verhaftet, jedoch vom sowjetischen Militärgericht verurteilt wurde. Sie brachte ihre Empörung darüber zum Ausdruck, dass die Sowjetarmee die „entsprechende” ungarische Hilfskraft finden konnte. Der Historiker von VERITAS antwortete mit den Worten seiner Urgroßmutter an seinen Vater: „Mein lieber Sohn! Merke dir: Ein anständiger Mensch wurde nicht Kommunist!” Dieses summarische Urteil hat auch dann Nachdruck, wenn wir auch die Motivationen der „Russki-Führer“ erschließen wollen.

Eine andere Frau rief eine vor kurzem eingeweihte sitzende Mindszenty-Skulptur in Erinnerung, die ein russischer Künstler anfertigte, nachdem er sich überzeugt hatte, dass die ungarischen Menschen keinen Hass gegenüber dem russischen Volk hegen. In diesem Zusammenhang stellte sie die Frage: Wäre es möglich, dass das russische Volk nach all dem Verteidiger des Christentums ist? Laut Antwort von Kálmán Kovács ist nach der Lehre der Geschichte alles möglich, dann trug er – mit Daten über militärische und zivile Opfer reichlich untermauert – vor: Welche Leiden die sowjetischen Truppen auch immer auf Mitteleuropa und darunter auch auf das ungarische Volk gebracht hatten, war Stalin dennoch die höchste Strafe für die damalige sowjetische Bevölkerung und auch darunter nicht zuletzt für die Russen.

So schlug man sich unter Skyllas und Charybdisen von Politiken, Religionen und Religionslosigkeiten des „schrecklichen 20. Jahrhunderts” durch, wie dies schon in der Antike nicht unbekannt war. Aufgrund der Filmtitel kommen auch die nächsten Filmabende nicht ohne ähnliche dramatische Wendungen aus… Konkret heißt das: Am 24. März um 18.00 Uhr wurde der nächste Teil von Schwere Schicksale unter Mitwirkung des Historikers Dávid Ligeti aufgeführt.