VERITAS Institut für Geschichtsforschung und Archiv

05. Mai 2016

Das Buch mit dem Titel 1956 és a megtorlás fekete könyve (1956 und das Schwarzbuch der Vergeltung) von Gábor Jobbágyi wurde am Donnerstag, den 5. Mai 2016 im Festsaal der Fakultät für Rechts- und Staatswissenschaften an der Katholischen Universität Péter Pázmány (PPKE) von Universitätsprofessor Miklós Kellermayer, dem Filmregisseur Gábor Koltay und dem Generaldirektor des VERITAS Instituts für Geschichtsforschung, Sándor Szakály, präsentiert, der zu den Vertretern der investigativen Geschichtswissenschaft gehört.

„Seit 25 Jahren schreibe ich an diesem Buch, von dem einzelne Auszüge erschienen sind und das ich weiterentwickelt und um neue Kapitel erweitert habe…Ich habe mir vorgenommen, ’ohne Zorn und Voreingenommenheit’ die geleugneten Fakten zu erschließen, zu versuchen, zumindest in Studien und Büchern den Opfern der Revolution und der Vergeltung Gerechtigkeit widerfahren zu lassen”, erklärte der Jurist Gábor Jobbágyi, Professor an der PPKE über sein kürzlich beim Verlag Kairosz publiziertes Werk. Dieser Band kann als Fortsetzung der Bücher mit ähnlichem Thema, ja sogar als deren Zusammenfassung begriffen werden. Im Mittelpunkt steht keine geringere Frage als die, ob die Forschungen, die auf Daten des Statistischen Zentralamtes (KSH) aus dem Jahre 1957 beruhen, der Wirklichkeit näher kommen als die Behauptungen von Professor Jobbágyi, der die Zahl der Toten und Verwundeten der Revolution und des Freiheitskampfes ’56 um Größenordnungen höher schätzt (statt 2.500 auf 20.000!).

Für das jetzige Resümee, das wieder einmal an die Zahl der Opfer rührt, wählte der Autor diesmal den 60. Jahrestag der Revolution ’56. Offensichtlich wirft er erneut einen Stein ins Wasser, wird also Diskussionen auslösen, die den weiteren Forschungen hoffentlich neuen Schwung verleihen werden. Genau darüber veranstaltete das VERITAS Institut am 3. Mai einen Diskussionsabend, wo Réka Földváry-Kiss, Vorsitzende des Nationalen Gedächtniskomitees und Tibor Zinner, Forschungsgruppenleiter beim VERITAS Institut, darüber sprachen, dass man die Phasen der Forschungstätigkeit, die die Vergeltung nach 1956 aufdeckt, mit systematischer, zäher Arbeit erneut durchlaufen muss, damit uns endlich annähernd realistische Daten zur Verfügung stehen und sich auf deren Grundlage ein realistischeres historisches Bewusstsein mit öffentlichem Einvernehmen und ein würdigeres nationales Gedächtnis herauskristallisieren.

In einer Hinsicht kann man jetzt schon über Konsens sprechen: Es ist allgemein bekannt, dass die KSH-Datenbank 1957 im staatlichen Auftrag entstand, d.h. eine politisch motivierte, falsche Datenreihe steht den Vermutungen, so auch den Hypothesen Gábor Jobbágyis gegenüber. Das wird freilich erst dann zur These, wenn sie ausreichend belegt ist. Wir können als Tatsache annehmen, dass die Datensammlung über die Opfer offensichtlich beschönigt ist; allerdings kann ihre Beschönigung nicht allzu übertrieben sein, denn sie wurde von Vornherein als vertraulich zu erklärendes Material erstellt.

Wir wissen, dass mitten in den turbulenten Ereignissen keine präzisen Listen über die Aufnahme von Patienten aufgestellt wurden. So konnte auch das statistische Amt nur vom gelieferten Material ausgehen. Wir sind uns auch darüber im Klaren, dass die Ermittler der Nachfolgeorganisation der Staatssicherheit nach der zweiten sowjetischen Intervention nach dem 4. November 1956 alle Krankenhäuser aufsuchten, um nach Verwundeten zu forschen und Daten für spätere juristische Verfahren zu sammeln. Es lag nicht im Interesse der Ärzte, die sich mit der Revolution solidarisierten, sowie der Angehörigen, Daten über die verwundeten Revolutionäre herauszugeben. Über die Opfer wissen wir auch jetzt, dass viele als schwer Verwundete zum Beispiel aus dem Krankenhaus in der Budapester Péterfy-Sándor-Straße oder dem Aushilfskrankenhaus in der Domonkos-Straße und sonstigen Gesundheitseinrichtungen an eine andere Versorgungsstelle verlegt wurden, während andere wiederum, um vor Vergeltung gerettet zu werden, versteckt wurden und so „verschwunden waren”. Aus ähnlichen Gründen wurden wieder andere Ende November-Anfang Dezember 1956 durch westliche ungarische Emigrantenorganisationen aus dem Land geschmuggelt.

Memoiren dieser Organisationen oder deren Mitglieder, die noch erhalten gebliebenen Krankenhausdokumente, Aufzeichnungen in Friedhöfen, die Erkundung bisher unbekannter Massengräber und vor allem Dokumente, die in den Archiven der ehemaligen Sowjetunion gewiss auffindbar sind, können uns genaueren Kenntnissen näherbringen. Diesem Zweck dient auch das jetzt erschienene Werk Gábor Jobbágyis.

OSZTT