VERITAS Institut für Geschichtsforschung und Archiv

Die Tragödie von Trianon vor 100 Jahren wirkt auf die Ungarn bis auf den heutigen Tag. Nicht nur deshalb, weil  in deren Folge mehrere Millionen Ungarn in ein Minderheitenschicksal gezwungen wurden und weil das Königreich Ungarn auch wirtschaftlich darunter litt, dass es Zwei Drittel seines einstigen Territoriums verloren hatte, sondern auch deshalb, weil wir selbst nicht wissen, wie wir dazu stehen sollen. Sollen wir das offensichtliche Unrecht bedauern? Sollen wir Gerechtigkeit fordern? Sollen wir uns damit abfinden, dass dies das Schicksal der Verlierer ist? Sollen wir das Ganze vergessen, weil es schon lange her ist? Beim Nachdenken darüber ergeben sich hunderte von Fragen, und Antworten gibt es so viele wie es Ungarn es gibt.

Über die Ereignisse von Trianon und deren bis heute andauernden Auswirkungen sowie das Denken der ungarischen Gesellschaft über Trianon befragten wir den Historiker Sándor Szakály, Generaldirektor des Budapester VERITAS  Instituts für Geschichtsforschung und Archiv, Professor an der Károli-Gáspár Universität der Reformierten Kirche.

- Was alles führte zum Zerfall der Österreichisch-Ungarischen Monarchie?

– Dazu könnte man viel sagen, aber sehr vereinfacht lautet die Antwort: die Niederlage im Weltkrieg. Hätte es keinen Weltkrieg gegeben und hätte die Österreichisch-Ungarische Monarchie dabei nicht auf der Seite der Verlierer gestanden,  wäre das Reich erhalten geblieben. Freilich wären wahrscheinlich verschiedene Reformen in Kraft getreten. Viele sagen, dass die  ungarische Nationalitätenpolitik die nationalen Minderheiten unterdrückt habe, ich glaube aber, dass die Nationalitätenpolitik des humanistischen ungarischen Staates für zahlreiche Länder  trotz allem beispielgebend sein könnte. Man muss jedoch wissen, dass etwa 54 % der Landesbevölkerung der ungarischen Nationalität angehörten, wenn wir das im staatsrechtlichen Sinne selbständige Kroatien nicht mitrechnen. Da in der Nachbarschaft des Königreichs Ungarn schon ein rumänischer und ein serbischer Staat existierten, hatte die rumänische und die serbische Minderheit in Ungarn das Bestreben, sich mit ihren nationalen Brüdern und Schwestern in irgendeiner Form  zu vereinen. Trotzdem standen die Kirchenführer der Rumänen in Ungarn 1914 dazu, dass die Monarchie für sie wichtig ist, und unterstützten den Krieg an ihrer Seite. Die Situation änderte sich 1916, als Rumänien nicht mehr Verbündeter, sondern  Feind der Monarchie war. Wir können also die Kriegsniederlage als wichtigsten Grund für den Zerfall der Monarchie nennen, alles andere war nur „Zugabeˮ.

- Es ist leicht verständlich, dass die nationalen Minderheiten, die auf dem Gebiet des Königreichs Ungarn lebten, nach Eigenstaatlichkeit trachteten, warum aber war es im Interesse der Großmächte, das Land zu zerreißen?

– Die Österreichisch–Ungarische Monarchie war eine der Großmächte Europas, und erwies sich im Notfall als ausgleichende Kraft gegenüber dem zaristischen Russland oder dem Deutschen Kaiserreich, unabhängig davon, dass von 1879 an ein enges Bündnis zwischen dem Deutschen Kaiserreich und der Monarchie bestand. Nur: Das zaristische Russland zerfiel  1917–1918, und es entstanden an seiner Stelle teilweise neue Staaten. Zu dieser Zeit fanden die Großmächte, dass in Europa ein Reich wie die Monarchie nicht mehr notwendig sei, denn das Macht-Gleichgewicht konnte schon auch ohne sie aufrechterhalten werden. Es lag also nicht in ihrem Interesse, die Einheit der Monarchie zu bewahren. Der andere wichtige Grund ist, dass den zu ihnen hinüberwechselnden Staaten (zum Beispiel Italien, das 1915 auf die Seite der Entente übergetreten war oder Rumänien, das 1916 die Monarchie angegriffen hatte) Gebietsversprechen gemacht wurden, und man dachte, es sei viel leichter von dem des Anderen etwas abzugeben als vom Eigenen. Das Ziel bestand darin, dass Nationalstaaten entstehen, doch als Ergebnis der Entscheidung wurde ein Vielvölker-Großreich zerschlagen, an dessen Stelle viele kleine Staaten mit ebenfalls mehreren nationalen Minderheiten  entstanden. In diesem Sinne war dies keine Lösung, denn es ist mehr als lächerlich, das serbisch-kroatisch-slowenische Königreich, die Tschechoslowakei oder Rumänien 1920 Nationalstaaten zu nennen. Im tschechoslowakischen Staat beispielsweise gab es insgesamt mehr Ungarn und Deutsche als Menschen mit tschechischer Nationalität, in Rumänien hingegen war neben der ungarischen auch die deutsche Minderheit bedeutend.

- Hätte es auch anders kommen können? Gab es im Ersten Weltkrieg einen Punkt, an dem ein gerechter Friedensvertrag noch vorstellbar gewesen wäre?

– Hätten die Sieger sich an die Vorstellungen gehalten, die der Präsident der Vereinigten Staaten Woodrow Wilson in seinen oft zitierten 14 Punkten formulierte,  dann wäre eine anständigere europäische Regelung möglich gewesen. Aber im Herbst 1918 hielten sich nicht einmal die Amerikaner an diese Prinzipien. Der Leiter der ungarischen Friedensdelegation Albert Apponyi sagte im Januar 1920, dass Ungarn den Verlust gewisser Gebiete akzeptierte und zur Kenntnis nahm, dass es keine andere Möglichkeit gab, wollte  aber, wenn die wilsonschen Prinzipien zur Geltung kämen, dass es auf den umstrittenen Gebieten eine Volksabstimmung gibt. Hätten die Ungarn von Maria Theresianopel/Szabadka/Subotica, Kaschau/Kassa/Kosice oder Klausenburg/Kolozsvár/Cluj-Napoca bei einer durch internationale Kontrolle abgesicherten Volksabstimmung dafür gestimmt, sich dem südslawischen, tschechoslowakischen oder dem rumänischen Staat anzuschließen? Sicherlich nicht. Seitens der Großmächte gab es dafür keinen Bedarf, seitens der Verlierer hingegen keine Kraft, um dies zu erkämpfen, denn sie hatten eine totale Niederlage erlitten.

- Wie stand Ungarn nach dem Weltkrieg zu dem Friedensdiktat von Trianon?

– Die gesamte ungarische Gesellschaft lehnte Trianon ungeachtet ihrer religiösen Zugehörigkeit, gesellschaftlichen Stellung und  materiellen Situation einmütig ab. Kein Zufall, dass die Losung Nein! Nein! Niemals! zu einem entscheidenden Appell wurde. Wer Trianon nach der Unterzeichnung des Friedensdiktats nicht ablehnte und nicht auf dem Boden der Revision stand, der hatte in Ungarn im politischen Sinne keine Zukunft. Es ist ebenfalls kein Zufall, dass das Land auf Landkarten Rumpf-Ungarn genannt und von verwaltungsmäßig vorläufig vereinigten Komitaten gesprochen wurde. Denn es gab Komitate, von denen nur Bruchstücke geblieben waren, sie wurden zusammengezogen unter der Bedingung, dass das noch einmal geändert werden kann und muss. Darin war sich die ungarische Gesellschaft einig; alle waren darin einer Meinung, dass die Nachkriegs-Situation für Ungarn inakzeptabel ist. Auch in der westlichen Welt gab es Politiker, die das Friedenssystem zum Abschluss des Ersten Weltkriegs ungerecht fanden. Es stellt sich die Frage, ob es überhaupt einen gerechten Frieden gibt, denn die Sieger würden nie etwas erreichen, wenn sie alles den Verlierern überlassen. Ich habe das Gefühl, dass es keinen gerechten Frieden gibt, aber einen gerechteren hätte es geben können.

- Und wie ist heute unsere Einstellung zu Trianon?

– Meines Erachtens ist sie sehr gemischt. Leider gibt es manche, die nicht verstehen (es kann zwar sein, dass sie dies anders sehen), dass die Niederlage von Trianon für die innerhalb und außerhalb der Landesgrenzen lebenden Ungarn gleicherweise eine traurige Tatsache ist, die in der Geschichte des Ungartums all das determinierte, was später geschah. Am schönsten formulierte vielleicht der Dichter Gyula Juhász, was wir tun müss(t)en:

„Sprechen muss man darüber nie, aber denken sollten wir daran immer wieder.” Das ist das Wesentlichste. Jetzt, im 21. Jahrhundert müsste diese Tragödie als verbindende Kraft wirken. Es macht mich traurig, dass es Politiker gibt, nach deren Meinung wir das Friedensdiktat von Trianon verdient hätten. Ich bin damit einverstanden, dass man sich mit der  Entscheidung abfinden muss, dennoch denke ich, dass auch die eine Verantwortung haben, die  uns etwas weggenommen haben. Sie müssten sagen: Dass es sich vor hundert Jahren so entwickelte, das geben wir jetzt nicht mehr zurück, wir geben aber den in unserem Land lebenden Ungarn alles, was menschlich, rechtlich und in vielen anderen Bereichen gegeben werden kann, dass sie ihre Sprache und  Kultur frei ausüben können, dass sie Schulen und Kindergärten haben können und am wichtigsten: Sie können wegen ihrer ungarischen Identität keine zweitrangigen Staatsbürger sein.

- Wenn die ungarische Gesellschaft früher eine einheitliche Einstellung zu Trianon hatte, wie ist daraus bis heute ein äußerst spaltendes Thema geworden?

– Die nach 1945 an die Macht gekommenen Kommunisten waren der Ansicht, dass man über Trianon nicht zu sprechen braucht, der Internationalismus werde das Problem schon lösen. Folglich wurde darüber lange Jahrzehnte kaum gesprochen. Es geht nicht darum, dass man ein Verbot ausgesprochen hätte, doch es genügt, uns die Geschichtsbücher der 1950er- und 1960er-Jahre anzuschauen. Wenn Trianon zur Sprache kommt, wird immer davon gesprochen, dass wir es aus diesem und jenem Grunde verdient hätten, denn wir hätten dies und jenes gegen andere verübt. So sind mehrere Generationen groß geworden.

- Wie  können wir über Trianon so sprechen, dass wir sowohl den nationalistischen Unterton als auch die Bagatellisierung des Friedensdiktats vermeiden?

– So, wenn wir aufrichtig darüber reden und wir alle verstehen, dass dies für uns schmerzlich ist. Man pflegt zu sagen: Ungar ist, den Trianon schmerzt. Darin sehe ich selbst viel Wahrheit. Wären wir imstande, uns darin trotz all unserer Unterschiedlichkeit einig zu werden, dann wäre das ein nationales Minimum. Das bedeutet nicht, dass man Gebiete zurückverlangen könnte, wir können aber einheitlich daran denken, dass unsere Ahnen über mehr als 1100 Jahre lang ein europäisches Ungarn aufbauten. Es war mal kleiner, mal größer, mal wurde es durch die Mongolen, mal durch die Türken verwüstet, wir sind trotz allem hier geblieben, „vermindert zwar, gebrochen nichtˮ.

Ich hege die Hoffnung, dass dieses 100jährige Jubiläum nicht bedeutet, dass wir innerhalb einiger Tage oder Wochen Trianon sozusagen abhaken, sondern versuchen zu erreichen, dass uns diese die Nation trennende Tragödie einander näher bringt. Das ist unser gemeinsames Interesse, und das muss ein jeder selbst entscheiden, denn man kann es niemandem aufnötigen, wie er/sie über dieses Thema zu denken hat. Seine Meinung kann jedoch jeder sagen, auch jemand, dem Trianon nicht weh tut. Die Vergangenheit müssen wir hinter uns lassen, dürfen sie aber nicht vergessen. Man muss versuchen, ein modernes Ungarn aufzubauen, gemeinsam mit den Angehörigen unserer Nation jenseits der Grenzen, denn auch sie gehören zur Nation.

- Sehen Sie eine realistische Chance dafür, dass die Ungarn mit den umliegenden Nationen einen konstruktiven Dialog herstellen?

– Ein Dialog ist möglich, wir werden aber die Vergangenheit nicht ändern können, obwohl  es natürlich auch Bestrebungen in dieser Richtung gibt, wenn es darum geht, wer eher im Karpatenbecken war. Meiner Ansicht nach würde es reichen, wenn die Nachbarstaaten anerkennen würden, dass sie so oder so aus dem Gebiet des einstigen Königreichs Ungarn und  dessen Einwohnern entstanden sind. Bei der Betrachtung des Zustandes von 1918 zum Beispiel sehen wir, dass Ungarn einen beachtlichen Teil der Bevölkerung der Slowakei ausmachten, und das dürfte man nicht vergessen. Inzwischen hat eine Modifizierung der Grenzen keinerlei Realität. Gegenwärtig gilt der Pariser Friedensvertrag von 1947, obwohl davon zahlreiche Punkte schon mehrfach von der Geschichte überholt wurden; aber solange die Unterzeichner der Siegerseite daran nichts ändern wollen, wird sich daran auch nichts ändern. Man müsste aussprechen, man müsste anerkennen, dass Siebenbürgen Teil Ungarns war. Im Königreich Ungarn sagte man nie, dass in Siebenbürgen keine Rumänen, in der Vojvodina keine Serben lebten und so weiter. Der bedeutende Teil dieser nationalen Minderheiten waren vor der osmanisch-türkischen Eroberung geflüchtet, und so nahm sie das einstige Königreich Ungarn auf, oder sie wurden anschließend von den Herrschern angesiedelt, um die zerstörten Gebiete erneut zu bevölkern. Man müsste erkennen, dass wir über tausend Jahre lang imstande waren, zusammenzuleben und demselben Herrscher zu dienen.

- Gibt es in uns bis zum heutigen Tag viel Wut und Emotion in Beziehung auf Trianon?

– Emotionen und Wut sollte es nicht geben, aber die Trauer darf man nicht aus unserem Herzen auslöschen. Das könnten wir auch nicht. Denken wir nur an den Band mit dem Titel Vérző Magyarország (Blutendes Ungarn), das der in Maria Theresianopel geborene Schriftsteller  Dezső Kosztolányi  zusammenstellte und in dem Künstler mit unterschiedlicher Weltanschauung  ihren Trianon-Schmerz formulierten. Das könnte beispielhaft sein in der Hinsicht, wie man ein nationales Trauma verarbeiten kann. Wir werden nie vergessen - wie auch andere Länder die in ihrer Vergangenheit wurzelnden Freuden und Tragödien, Erfolge und Fiaskos nicht vergessen. Diese Ereignisse begleiten die Geschichte einer Nation, und es wäre ein großer Fehler, sie zu vergessen. Wir müssen uns nicht freuen darüber, dass Ungarn in Bezug auf sein Gebiet heute so klein ist, was eine Folge und das Ergebnis von Trianon ist.

Daher sollen wir mit Trauer an die Geschehnisse vor hundert Jahren denken und es darf nicht sein, dass sie aus dem Gedächtnis der Nation allmählich verschwinden.

Panni  Károsi

                                              

                                                                                  Übersetzung von Előretolt Helyőrség