VERITAS Institut für Geschichtsforschung und Archiv

Endre Marinovich: József Antall sagte, er möchte mit mir so eine Verbindung herstellen, bei der ich auch dann weiß, wie er sich entscheiden würde, wenn wir keine Möglichkeit haben, miteinander zu reden.

 

„Der inhaltsreichste Teil meines ganzen Lebens war, dass ich von 1991 an bis zu seinem Tod Kabinettchef  des Ministerpräsidenten József Antall, dann von Péter Boross sein durfte", sagt Prof. em. Endre Marinovich, stellvertretender Generaldirektor des VERITAS Instituts für Geschichtsforschung und Archiv. Heute ist er 80 Jahre alt; da er sich als Diener des ungarischen Volkes betrachtet, löst er seine weitverzweigten Aufgaben auch jetzt mit unveränderter Aktivität und Demut.

– In Ihrem Grußwort an József Antall nach dem Wahlsieg vor 30 Jahren erinnerten Sie den künftigen Ministerpräsidenten an einen berühmten Ausspruch Talleyrands: „In der Politik und der Liebe gibt es kein immer und kein nimmer.” Warum?

– Deshalb, weil 33 Jahre früher, im März 1957, als er wegen seiner Rolle 1956 vom Eötvös-József-Gymnasium entfernt wurde, wo er uns in Geschichte unterrichtete, uns zum Abschluss diesen Satz in Französisch auf die Tafel schrieb. Er musste 33 Jahre warten, damit sein Traum in Erfüllung ging: Durch den Willen der Mehrheit des Landes erhielt er den Auftrag, eine verantwortliche staatliche Funktion zu bekleiden.

– Ist es in der Tat wahr, dass Antall sich in seinem ganzen Leben auf eine führende Rolle in der Politik vorbereitete?

– Er bereitete sich vor, glaubte aber nicht daran. Als ob er eine Traumwelt für sich aufgebaut hätte. Und wie er am 22. Mai 1990 in seiner Programmrede als Kandidat für das Amt des Ministerpräsidenten im Parlament verriet, glaubte auch er oft, dass dieser festliche Moment vielleicht nie eintreten würde. Wir, seine ehemaligen Schüler, spürten, dass er sich  vorbereitet hatte.

– Warum  haben Sie den Kontakt zu ihm auch nach 1957 aufrechterhalten?

– Meine Gymnasialklasse war eine Gesellschaft mit starkem Zusammenhalt, in erster Linie wegen der gemeinsamen Erlebnisse im Jahr 1956, und wir kamen auch nach dem Abitur eine lange Zeit hindurch regelmäßig zusammen. Antall war fast jedes Mal dabei als „ewiger Klassenlehrer”, und es war immer wichtig, was er uns über die Geschichte und die Weltpolitik erzählte. Er galt für uns auch in unserem Erwachsenenalter als Vorbild, und es tat uns sehr gut, dass er die Laufbahn seiner Schüler aufmerksam verfolgte. Auch ich traf mich oft mit ihm, mehrmals begegneten wir uns zufällig in der Innenstadt und unterhielten uns bei einem Spaziergang auf der Straße. Ich kann mich erinnern: Eines Tages blieben wir an der Ecke Szép-Straße/Lajos-Kossuth-Straße stehen, und er sagte zu mir: Es ist gut, was du machst, aber bilde dich weiter, lerne Sprachen, erkunde die Welt, denn es wird die Zeit kommen, da wir Menschen brauchen werden, die genügend gebildet und einsetzbar sind. Das geschah Ende der 60er-Jahre, und mein Kontakt zu Antall begleitete mein Leben wie ein Schlundbach bis 1990.

– Die Antall-Regierung wurde am 23. Mai 1990 gebildet, Sie sind aber erst ein Jahr später Kabinettchef des Ministerpräsidenten geworden.

– Ja, da ich damals in der Handelsvertretung in Athen arbeitete, wohin mich das Außenhandelsministerium 1987 als ersten Sekretär entsandt hatte.  Die Vorgeschichte war, dass ich nach Abschluss der Universität für Wirtschaftswissenschaften zunächst beim später Hungexpo genannten Unternehmen  tätig war. Dann bekam ich 1971 eine Anstellung im Außenhandelsministerium, wo ich Mitarbeiter, dann Leiter der Presseabteilung war. Nach 16 Jahren im Staatsdienst wurde mir die Möglichkeit geboten, in einer Auslandsvertretung zu arbeiten, so kam ich nach Athen. Ich merke an: Ursprünglich wollte ich nicht Ökonom, sondern Philologe werden, ich wurde aber „aus Platzmangel” (in Wirklichkeit wegen meiner Abstammung) nicht angenommen, deshalb arbeitete ich eine Zeitlang als LKW-Fahrer. Dann bewarb ich mich auf Vorschlag Antalls – der bis zum Schluss mein Mentor und Freund war –an der Universität für Wirtschaftswissenschaften, wo ich glatt aufgenommen wurde.

– Was war das Problem mit Ihrer Abstammung?

–  Die Mitglieder meiner Familie waren Teil „des mittleren Herrenstandes”, den das klassenkämpferische Regime zwischen 1948 und 1990 verachtete und zu Vernichtung verurteilte. Meine Vorfahren waren über mehrere Generationen Staatsbeamte, sie dienten dem ungarischen Staat unter anderem als Verwaltungsrichter, Polizeichef,  juristischer Schatzkammerdirektor, Zolloffizier und Ministerialrat. Ich stamme also aus einer typisch ungarischen Familie der Mittelklasse, die für  den Erfolg des Landes Herz und Seele opferte. Und trotz der Tatsache, dass in meinen Adern laut Berechnungen zum sechzehntel Teil deutsch–schweizerisches und genauso viel kroatisch–dalmatisches Blut fließt, bekenne ich mich natürlich als Ungar, ich denke, träume und bete in Ungarisch.  Des Schriftstellers Áron Tamási wunderbares Epitaph lesen wir mit meiner Frau  jedes Mal ergriffen, wenn wir unterwegs nach Oderhellen/Székelyudvarhely/Odorheiu Secuiesc bei Wolfsdorf/Farkaslaka/Lupeni einen Abstecher machen: „HŰSÉGES SZOLGÁJA BOMLOTT SZÁZADÁNAK” (Treuer Diener seines wirren Jahrhunderts).

– Was haben Ihnen Ihre Eltern mit auf den Weg gegeben?

–­ Meine Mutter hatte Sprachen studiert,  arbeitete lange Zeit als Dolmetscherin und Übersetzerin. Ein großes Geschehen in ihrem Leben war ihre Freundschaft mit der Dichterin Sophie Török, der Witwe des Dichters Mihály Babits. So konnte sie ihr literarisches Interesse und ihr Schaffen vervollkommnen. Von ihr erbte ich die Liebe zu den Buchstaben, zum Schreiben, zur Literatur. Mein Vater hatte die juristische Fakultät absolviert und in jungen Jahren den Beruf des Feuerwehr-Offiziers gewählt; in dieser Funktion war er von 1934 bis 1951 tätig, als er als unzuverlässige Person von der Organisation entfernt wurde. Danach arbeitete er als Busfahrer. Da er sich aus Anlass von Stalins Todes angeblich „ehrfurchtslos äußerte”, wurde er als halsstarriger Anhänger der alten  Ordnung und eingeschworener Feind des sozialistischen Systems wegen Aufwiegelung eingekerkert. Ende Oktober 1956 wurde er zurückgenommen, und er wurde zum Oberkommandierenden der Budapester Feuerwehr ernannt, was der Gipfel seiner gesamten Karriere war. Freilich wurde er bald wieder entlassen und seines Ranges als Offizier beraubt. In der letzten Anstellung seines Lebens war er bei den Budapester Verkehrsbetrieben Feuerschutzmann im Arbeiterstand. Innenminister Péter Boross erklärte 1992 die Begründung der Entlassung meines Vaters 1957 als nichtig und ernannte ihn postum zum Feuerwehr-Obersten. Von der väterlichen Seite bekam ich also mein Engagement für Angelegenheiten von öffentlichem Interesse, für „res publica”.

– Um auf die Antall-Regierung zurückzukommen: Wann und wie sind Sie Kabinettchef des Ministerpräsidenten geworden?

– Noch zu Weihnachten 1990, als ich zum Urlaub heimkehrte, meldete ich mich bei ihm, wir konnten aber nur am Telefon miteinander reden. Ich sagte zu ihm: Wenn er das Gefühl hat, mich brauchen zu können, stehe ich ihm gern zur Verfügung. Nach einigem Briefwechsel rief mich dann Antall zum orthodoxen Ostern an, dass jemand an die Spitze des Kabinettbüros gesucht wird, und er gab mir eine Woche Zeit zum Nachdenken. Anfang Mai kam ich nach Hause, wir trafen uns und kamen zu einer Einigung.

– Was war Ihre Aufgabe?

– Antall sagte, dass der Amtsapparat, der seine Arbeit unterstützte, gelinde gesagt nicht richtig funktionierte.  Es war eine Studie  aufgrund der Erfahrungen der Arbeit des deutschen „Küchenkabinetts”  und des Stabs des amerikanischen Präsidenten  gemacht worden, und so kam es zu der Entscheidung, dass das Kabinettbüro, das die Aufgaben des Ministerpräsidenten als politische Persönlichkeit koordiniert, organisiert und erledigt, vom Amt des Ministerpräsidenten getrennt wird. Die Regierungsarbeit im engeren Sinne, die Vorbereitung und Organisation der Regierungssitzungen erledigten Staatssekretär József Kajdi als Leiter des Amtes des Ministerpräsidenten und sein Apparat, während die Vorbereitung in- und ausländischer Programme, sozial-, wirtschafts- und parteipolitischer Stellungnahmen, die Referenten dieser Bereiche sowie der Regierungssprecher und das Pressebüro dem von mir geleiteten Kabinettbüro angehörten.

– War das ein Rollenbereich der Art einer „grauen Eminenz”?

– Ich würde eher so formulieren, dass ich einer der engsten Mitarbeiter József Antalls war. Meine Position bestimmte ich so, dass ich immer in genügender Nähe zum Ministerpräsidenten war, damit ich ihm sofort zur Verfügung stand, wenn er irgendetwas brauchte, zugleich wollte ich auch einen gewissen Abstand halten, wenn er mit jemandem vertraulich sprechen wollte, damit also der Kontakt des Vertrauens zu keiner Anbiederung wurde. Im Übrigen sagte er mir vor meinem Auftrag: Er wollte so eine Verbindung mit mir entwickeln, bei der ich in seinen Gedanken lesen konnte, denn auch wenn es keine Möglichkeit oder keine Zeit gab, miteinander zu reden, musste ich wissen, wie er dachte und wie er in einer gegebenen Angelegenheit entschieden hätte.  Als Beispiel nannte er seinen Vater, der ein absolutes Muster für ihn war. József Antall sen. war während des Zweiten Weltkriegs Regierungsbeauftragter für Flüchtlingswesen, und als nach dem italienischen Absprung Offiziere vor den Deutschen nach dem mit dem Dritten Reich verbündeten Ungarn geflohen waren, fragte er seinen Chef, Ministerpräsident Miklós Kállay, was mit denen passieren sollte. Die Italiener seien sehr nette Menschen und er  möge die italienischen Opern sehr, antwortete Kállay in blumiger Sprache. Und daraus entnahm Antall sen., dass er sich um die italienischen Flüchtlinge kümmern sollte. Damit ließ mich Antall spüren, dass sein Vater die Gedanken seines Chefs herausfinden und selbständig handeln sollte, und auch er erwartete das von mir. Ich habe das Gefühl, dass es ziemlich gut gelungen ist, dies zu verwirklichen. Ich konnte an jedem Entschluss und Ereignis teilhaben, unter anderem war ich Augenzeuge des Auflösungsaktes des Warschauer Vertrages und des RGW, und ich war im Dezember 1991 in Brüssel dabei, als Ungarn mit der Europäischen Gemeinschaft das Assoziierungssabkommen abschloss. Daher ist es der inhaltsreichste Teil meines ganzen Lebens, dass ich vom Frühsommer 1991 bis zum Tag des Todes von József Antall und später unter Peter Boross Kabinettschef der Ministerpräsidenten sein durfte.

– Wie setzte sich Ihre Laufbahn als Beamter im öffentlichen Dienst nach den Wahlen 1994 fort?

– Schon auf den entschiedenen Wunsc  Antalls erhielt ich den Titel des außerordentlichen und bevollmächtigten Botschafters, der mir bis zum Ende meines Lebens zusteht. Da im Sommer 1994 die MSZP (Ungarische  Sozialistische Partei) und der SZDSZ (Bund der Freidemokraten) die Regierung bildeten, verließ ich natürlich den Regierungsapparat und übernahm Aufgaben auf einem anderen Gebiet des öffentlichen Dienstes, im Hochschulwesen, und versuchte, all die Kenntnisse und Erfahrungen, die ich in den Jahrzehnten zuvor gesammelt hatte, an meine Studenten weiterzugeben. Ich bewarb mich an der Außenhandelshochschule, die seit 2000 die Außenhandelsfakultät der Budapester Wirtschaftsuniversität ist, und bekam eine Anstellung als Professor. Bis zum Alter von 70 Jahren unterrichtete ich hauptberuflich, seitdem als Professor em. Zwischendurch war ich fünf Jahre lang auch Generaldirektor der Fakultät. In dieser Zeitspanne nutzte ich meine Feder nicht nur für die Anfertigung offizieller und fachlicher Materialien: Von meinem schriftstellerischen Schaffen würde ich drei Bücher hervorheben: jene über die Zeit von József Antall und Péter Boross als Ministerpräsidenten sowie den familienhistorischen Roman über drei Generationen meiner Vorfahren.

– Wie sind Sie Stellvertreter des Generaldirektors von VERITAS geworden?

– Schon im Sommer 2013 bekam ich als geschichtsinteressierter Ökonom und Wirtschaftshistoriker von Péter Boross den Auftrag,  das Konzept eines Instituts für Geschichtsforschung auszuarbeiten, das die Geschichte von 125 Jahren, vom Ausgleich bis zum Ende der Antall-Boross-Regierung, vielseitig, mit einem neuen Herangehen, ohne Zorn und Voreingenommenheit erschließt und untersucht. Nachdem das Institut Anfang 2014 unter Leitung von Geschichtsprofessor Sándor Szakály gegründet worden war, wurde ich sein Stellvertreter. Meines Erachtens hat das Institut in den vergangenen sechseinhalb Jahren seinen Platz in der Welt der Wissenschaft gefunden, seine Veranstaltungen und Publikationen genießen Ansehen, und sein Aufgabenbereich wurde durch das Archiv des Amtes für Entschädigung sowie vor einem Jahr durch den Anschluss des Instituts 1956 erweitert.

– Welche Pläne haben Sie jetzt, im Alter von 80 Jahren?

– Ich meine, solange der Schöpfer es mir erlaubt und es meine Gesundheit ermöglicht, möchte ich auch meine restlichen Tage mit möglichst viel nützlichen Taten verbringen. Die Liebe zur engeren und weiteren Gemeinschaft,  zur Familie und zum Vaterland sowie der Dienst an ihnen bestimmten  das gesamte Leben meiner Vorfahren, und die Traditionen verpflichten mich als Diener des ungarischen Volkes, dass ich, solange es geht, nützlich sein kann und meine Pflicht erfülle.

                                                                       Übersetzung aus der Tageszeitung Magyar Hírlap