VERITAS Institut für Geschichtsforschung und Archiv

Sándor Szakály: Das größte Übel ist, wenn jemand seine Meinung in historischen Fragen auf die Art und Weise äußert, dass er sich über grundlegende Fakten nicht im Klaren ist, und wenn doch, diese dann bewusst verdreht.

Von Sándor Faggyas


Sándor Szakály  ist einer der bekanntesten, vielseitigsten und aktivsten ungarischen Historiker, Generaldirektor des VERITAS Instituts für Geschichtsforschung und Archiv, Professor an der  Károli-Gáspár-Universität der Reformierten Kirche, ein Missionar der Verbreitung populärwissenschaftlicher Kenntnisse. Im vergangenen Frühjahr verschwand er plötzlich  von der Öffentlichkeit, wie man zu sagen pflegt: weder Bild noch Ton. Mit dem Interview für Magyar Hírlap am 29. Februar 2020 und seinem Beitrag über Miklós Horthy meldet er sich wieder zurück, und wir können von ihm auch erfahren, welche Pläne er hat.

– Was ist mit Ihnen passiert, warum sind Sie vor fast einem Jahr „verschwunden”?

– Das Leben brachte es mit sich, dass es mir am frühen Abend des 1. April 2019 schlecht wurde. Ich rief den Rettungsdienst an, der mich ins St. Margareten-Krankenhaus einlieferte. Erst zwölf Tage später kam ich zu mir. Ich hatte eine sehr schwere Bauchspeicheldrüsen-Entzündung, man gab mir eine Überlebenschance von einem Prozent. Viermal wurde ich im Margareten-, später im Honved-Krankenhaus wieder ins Leben zurückgebracht. Ärzte und Pfleger haben für mich alles getan, ihnen verdanke ich, dass ich dennoch am Leben bin. Man kann sagen: Ich bin wiedergeboren worden, und nach 226 Tagen durfte ich am 12. November heimkehren. Es tat mir gut, dass mir viele Genesung wünschten. Auch solche Personen standen korrekt zu mir, mit denen wir in Fachfragen im Allgemeinen nicht übereinstimmen. Es erreichten mich sehr viele Botschaften, wie viele nach ihrem eigenen Glauben für mich gebetet haben. Mein jüngerer Sohn, der einen breiten jüdischen Freundeskreis hat, sagte mir: Vati, diese Jungs – etwa an die dreißig – haben für dich gebetet. In meinem Geburtsort Törökkoppány, wo ich katholisch getauft wurde und den ich schon vor vielen Jahrzehnten verließ, wurde um mich in der Kirche unter der Leitung des Pfarrers gebetet. Wie mir gesagt wurde, drückten mir auch Atheisten die Daumen.

– Kann man heute schon sagen, dass Sie geheilt sind?

– Vielleicht sieht man es mir wenig an, aber ich bin 35 Kilogramm leichter, was ich sicherlich nötig hatte, wenn auch nicht auf diese Weise. In den vergangenen elf Monaten bin ich gealtert, vielleicht bis zu meinem wirklichen Alter oder im Vergleich dazu noch etwas mehr. Früher war ich nicht krank, jetzt muss ich aber ein ganz anderes Leben führen, nach einer strengen Diät und Tageseinteilung, und ich muss mir ständig Spritzen geben. Wenn ich Glück habe, darf ich vielleicht in anderthalb Jahren hin  und wieder auch essen, was ich möchte, nicht nur das, was mir erlaubt ist. Meine Ärzte haben mir im Übrigen im Frühjahr vorigen Jahres prophezeit, dass ich in etwa einem Jahr die Arbeit wieder aufnehmen darf, wenn ich sehr vorsichtig bin.

– Wir sitzen im Zimmer des Generaldirektors des  VERITAS Instituts. Bedeutet das, dass Sie wieder arbeiten?

– Nach Rücksprache mit meinen Ärzten sind wir so verblieben, und darauf bereite ich mich vor, dass ich ab Mitte März wieder arbeiten kann; in den letzten Wochen bin ich aber hin und wieder schon hereingekommen. Die frühere Lebensweise, dass zumeist ich das Institut am Morgen öffnete und am Abend schloss, lässt sich offensichtlich  nicht mehr fortsetzen. Ich muss hinzufügen, dass in meiner fast einjährigen Abwesenheit der stellvertretende Generaldirektor, Herr Professor Endre Marinovich, Institutsleiter Gábor Ujváry, die Archivleiterin Frau Krisztina Bognár-Kiss und all meine wissenschaftlichen und administrativen Mitarbeiter maximal die Stellung hielten. Sie erlebten eine sehr schwierige Periode, und das nicht nur wegen meiner Krankheit, denn das Institut hat in dieser Zeit das Dokumentenmaterial des Instituts 1956, die Oral-History-Sammlung und die dortige Bibliothek übernommen. Unser Institut arbeitet schon seit sechs Jahren, und inzwischen kam das vollständige Aktenmaterial des Amtes für Entschädigung und Schadensregulierung zu uns, daher musste ein Archiv aufgebaut werden, das bald den Forschern zur Verfügung steht.

– Einige Tage vor Ihrem 64. Geburtstag  wurden Sie aus dem Krankenhaus entlassen. Kam es Ihnen in den Sinn, in Rente zu gehen, nachdem Sie Ihr Leben zurückbekommen hatten?

– Ja, das ging mir schon durch den Kopf. Die Lage ist die, dass ich  vom 1. Januar  2019 an den Auftrag als Generaldirektor für weitere fünf Jahre erhielt. Als ich im Herbst schon auf dem Wege der Genesung war, konsultierte ich Herrn Minister Miklós Kásler und Herrn Staatssekretär Csaba Latorcai, die mir sagten, sie würden es gern sehen, wenn ich diesen fünfjährigen Zyklus – so ich denn dazu in der Lage bin  – zu Ende führe. Ich werde es natürlich versuchen; wenn sich mein Gesundheitszustand in einem halben, einem oder eineinhalb Jahren eventuell so entwickelt, dass ich meine Aufgaben nicht mehr wahrnehmen kann, werde ich den Herrn Minister bitten, mich von meinem Amt zu entbinden.

– Würden Sie dann endgültig „die Leier niederlegen”? Oder kehren Sie zu Ihrer ursprünglichen Berufung, der Forschung, zurück?

– Wegen meiner weitverzweigten Aufgaben als Leiter und im öffentlichen Leben hatte ich zuletzt nicht allzu viel Zeit, mich ernsthaft  um mein eigenes Forschungsgebiet zu kümmern. Ich habe einen großen Traum: die vollständige Darstellung der oberen militärischen Führung Ungarns in der Zwischenkriegszeit in einer umfassenden biografischen Arbeit herauszugeben. Es geht um etwa 1400 Personen. Für diese Grundlagenforschung und die Sammlung der fehlenden Angaben muss ich erneut Bibliotheken und Archive aufsuchen. Meinen Ärzten und Pflegern, die sich um mich gekümmert haben, sagte ich, dass dieses große zusammenfassende Werk eine Widmung haben wird, in der auch sie enthalten sein werden, damit möchte ich ihnen meinen Dank aussprechen.

– Was möchten Sie darüber hinaus noch unbedingt schaffen?

– Ich habe einige kleinere, aber wichtige Pläne. Vor vielen Jahren erhielt ich die Kopie eines  1946–1947 entstandenen Gefängnistagebuches. Ein Gefangener führte im Sammelgefängnis ein Gedenkheft, in das die dortigen Gefangenen ihre Notizen eintrugen, unter anderen der später hingerichtete György Donáth, der Generaloberst Lajos Veress, der Generalmajor Sándor András und der ebenfalls hingerichtete Zoltán Bilkey-Pap. Dieses Gedenkheft möchte ich veröffentlichen, eine Präambel dazu schreiben und auch die kurzen Lebensläufe der Eintragenden verfassen. Nach wie vor möchte ich Studien und Rezensionen schreiben. Und da ich nach dem Tod meines Freundes László  Tőkéczki (Historiker, d. Übersetzer) zu seinem „Nachfolger”, zum Vizepräsidenten  der  Gesellschaft für Verbreitung populärwissenschaftlicher Kenntnisse gewählt wurde, möchte ich die populärwissenschaftliche Tätigkeit weiter fortsetzen, die ich lange Jahre hindurch in Ungarn und auf den abgetrennten, von Ungarn bewohnten Gebieten gleicherweise geleistet habe. Es liegt auf der Hand, dass diese Reisen und Vorträge so abgestimmt werden müssen, wie dies mein Gesundheitszustand zulässt.

– Welche Pläne haben Sie nach Ihrer Rückkehr an die Spitze von VERITAS?

– Ich will erreichen, dass das Institut auf noch festeren Beinen steht. Gegenwärtig haben wir ein Forschungsinstitut und ein Archiv, und wir werden eine Gulag–GUPVI-Gedenkstätte  (GULAG: Hauptverwaltung der Lager / GUPVI: Hauptverwaltung der Erziehungs- und Arbeitslager) haben – nach den Plänen in Cegléd (Komitat Pest, 74 km von Budapest entfernt), in einer ehemaligen Kaserne, wo nach 1945 ein Sammellager existierte. Sie wäre das dritte Bein, und da ich aus einer Schusterfamilie stamme, weiß ich, dass der dreibeinige kleine Stuhl am stabilsten ist. Es wäre sehr gut, wenn die ungarische Gesellschaft, vor allem die Jugendlichen, durch die Gedenkstätte ein genaues und authentisches Bild vermittelt bekommen könnten, was in diesem Land nach dem Zweiten Weltkrieg mit denen passierte, die zum málenkij robot, in die Kriegsgefangenschaft oder als Verurteilte auf die Gulags verschleppt wurden. Dazu müssen wir eine Forschungsgruppe und das Personal für die Gedenkstätte rekrutieren, die sich dieses Themas annehmen. Darüber hinaus wird im Institut gegenwärtig eine sehr intensive Arbeit geleistet z.B. mit dem Titel Trianon und die ungarische Hochschulbildung und zum Thema 30. Jahrestag der Wende – die Tätigkeit der Antall-Boross-Regierung. Wir vergessen auch nicht die Epoche der Doppelmonarchie, die Horthy-Ära und die Revolution 1956, denn das Zeitfenster der Forschungsarbeit unseres Instituts erstreckt sich von 1867 bis 1994. Wir setzen auch die Herausgabe der Reihe der VERITAS-Bücher und der VERITAS-Hefte fort, und unser Jahrbuch erscheint jedes Jahr. Wir sind bemüht, an immer mehr Orten präsent zu sein, aufzutreten – sowohl in Wort als in Schrift.

– Was meinen Sie: Sind die Töne von linksliberaler Seite, die  Sie und Ihre Mitarbeiter  früher emotional kritisierten und nicht selten angriffen, inzwischen abgeklungen?

– Nach meinen Erfahrungen sind auch die, denen wir nicht gerade sympathisch sind, darauf gekommen, dass hier eine ernsthafte fachliche Arbeit geleistet wird. Mich hat es nie interessiert, Anhänger welcher Weltanschauung meine Kollegen sind, welcher politischen Richtung sie nahestehen. Mich interessiert, ob die fachliche Leistung, die jemand auf den Tisch legt, nach den objektiven fachlichen Kriterien authentisch ist, ob sie sich im Laufe korrekter fachlicher Diskussionen behauptet oder nicht.

– Wie es scheint, gibt es in der ungarischen Geschichte des 20. Jahrhunderts Perioden, Ereignisse und Akteure, bei deren Einschätzung es in der ungarischen Geschichtswissenschaft nie einen Konsens geben wird, mehr noch: Von Zeit zu Zeit lodern die oft nicht gerade korrekten und appetitlichen Debatten auf. Wir haben die Vergangenheit gemeinsam, die Erinnerung daran aber nicht. Muss man sich damit abfinden?

– Ich pflege zu sagen: Fangen wir an, die Tatsachen zu respektieren. An historische Ereignisse und Personen kann man auf verschiedene Art und Weise herangehen, sie interpretieren und bewerten, die Fakten darf man aber weder umschreiben  noch verschweigen. Als ich beim Fernsehkanal Duna arbeitete, drehten wir mit meinem Freund, dem Filmregisseur Pali Erdőss, zahlreiche Filme zu historischen Themen. Der Titel einer dieser Reihen lautete: Vitatott személyek (Umstrittene Personen). Wir haben uns die Personen des  20. Jahrhunderts angeschaut, deren Einschätzung sehr unterschiedlich ist. Wir bearbeiteten die Biographien von István Tisza, Mihály Károlyi, Miklós Horthy, Gyula Gömbös, László Bárdossy, János Kádár und Imre Nagy, und legten dabei unterschiedliche Gesichtspunkte und Meinungen dar. Es wäre gut, in der breiten Öffentlichkeit bewusst zu machen, dass es keine historischen Persönlichkeiten – ja nicht einmal einfache Alltagsmenschen  - gibt, in deren Leben es nicht gerade und krumme Wege, gute und schlechte Entscheidungen, löbliche und schändliche Taten gleicherweise geben würde. Andererseits muss man sich immer vor Augen führen, aufgrund welcher Informationen, Gesichtspunkte und Argumente ein Politiker in der gegebenen Situation seine Entscheidung fällte und ob diese für die Mehrheit günstig war oder nicht. Denn es gibt keine Entscheidung, die für alle günstig wäre; nicht einmal im Fall von Persönlichkeiten wie Mátyás Hunyadi oder St. Stephan, die  im nationalen öffentlichen Bewusstsein allgemein verehrt werden.

– Denken wir heute wegen des großen zeitlichen Abstands, dass sie – im Gegensatz beispielsweise zu Horthy und Kádár – gleichsam von allen geachtet und geliebt wurden?

– Die „verschönernde Ferne” entstellt in der Tat. Das größte Übel ist aber, wenn jemand seine Meinung in historischen Fragen auf die Art und Weise äußert, dass er sich über grundlegende Fakten nicht im Klaren ist, und wenn doch, diese dann bewusst verdreht. Heutzutage kommen statt Fakten und Vernunftargumenten in den Diskussionen über die Epoche in der Zwischenkriegszeig und auch deren Namensgeber Attribute zum Vorschein. Eine Reihe von Fakten belegt, dass das ausgeblutete, ausgeraubte und auf ein Drittel verstümmelte Ungarn in der Zeit des Reichsverwesers Miklós Horthy das Todesurteil überlebte, wieder auf die Beine kam und Ende der 1930er-Jahre auch in wirtschaftlicher, gesellschaftlicher und kultureller Hinsicht zum Mittelfeld Europas aufschloss. Wenn Horthy „nur” die Rolle dabei spielte, dass er die Führung des Landes denen  überließ, die etwas davon verstanden, war das schon eine gewaltige Tat.

 

                                                                       Übersetzung aus der Tageszeitung Magyar Hirlap

Foto: MH/Patricia Bodnár