VERITAS Institut für Geschichtsforschung und Archiv

Unser Kollege András Joó ist Experte für Diplomatie-Geschichte und internationale Beziehungen des 20. Jahrhunderts sowie Mitglied der Forschungsgruppe der Horthy-Ära beim VERITAS Institut. Mit ihm führte Patrik Szeghő ein Gespräch, das am 20. Juni auf der Website Újkor.hu erschienen ist. Hier bringen wir Auszüge aus dem Gespräch.

Újkor.hu: Wie begann dein Interesse für Geschichte? Wie bist du Historiker geworden?

András Joó: Mein Vater interessierte sich immer für Geschichte, und meine Mutter war Lehrerin für Geschichte und Ungarisch. Das Interesse für die Vergangenheit lag also praktisch bei uns in der Familie, und all dies wirkte sich auch auf meine Kindheit aus. Hier ist anzumerken, dass ich ein spätes Kind war (mein Vater wurde 1921 geboren), so dass ich über den Zeitraum des Zweiten Weltkriegs – mit dem ich mich jetzt befasse – von meinem Vater in der Tat erlebte Geschichten hörte. Neben den historischen Anekdoten und den Erinnerungen an die Vergangenheit zu Hause prägten mich die vom Vater beschafften historischen Comics in Fremdsprachen. Zwar verstand ich sie nicht, aber mein Vater erzählte sie mir anhand der Bilder sehr plastisch. Neben dem spanischen Heftchen über das Leben von Julius Caesar war ein bebilderter Roman in Französisch über den Frankenkönig Chlodwig meine Lieblingsgeschichte. Im Gymnasium beschäftigte mich anfangs am meisten die Literatur, ich dachte, dass ich eines Tages Ungarisch studieren und vielleicht Romane schreiben würde. Durch meinen Geschichtslehrer nahm mein Interesse schließlich eine andere Richtung, so dass ich mich bald darauf vorbereitete, die Fächer Englisch und Geschichte zu wählen. In beiden Fächern hatte ich ausgezeichnete Lehrer und auch die Chance, gleich an die Universität aufgenommen zu werden. Die erfolgreiche Aufnahme war eine gewaltige Sache für mich, im Herbst 1988 musste ich jedoch den damals verbindlichen Militärdienst von einem Jahr leisten. Der Systemwandel als historischer  Wendepunkt fiel bei mir mit der Armeezeit und dem Beginn des Studiums zusammen. Wie ich zu sagen pflege: Als Genosse trat ich in die Armee ein (die übliche Anrede lautete zu Beginn: Genosse „Honvéd”), wurde aber schon als „Herr” verabschiedet.

Újkor.hu: Welcher historischen Periode hast du dich an der Universität zugewandt? Wer waren die Professoren, die in diesen Jahren Wirkung bei dir hinterlassen haben?

András Joó: Anfangs wollte ich mich an der Universität zunächst mit dem Mittelalter und zum Teil mit der Frühneuzeit beschäftigen. Meinen Vorstellungen entsprechend war ich bemüht, einschlägige Spezialvorlesungen zu wählen, und habe meine Lateinkenntnisse – soweit es meine Zeit erlaubte – vervollkommnet. Péter Püspöki Nagy war der erste Professor, der eine große Wirkung auf mich ausübte. Sein Fachwissen, sein Habitus dienen mir bis heute als Vorbild; er ist ein hervorragender Forscher des ungarischen Mittelalters, zu dem ich auch heute noch Kontakt habe. Hervorheben will ich auch László Szögi, der ein äußerst strenger Professor war und mich mit den Hilfswissenschaften der Geschichte vertraut machte. Durch seine Vorlesungen wurde uns nützliches Wissen vermittelt, an das ich mich nicht nur erinnern kann, sondern das ich bis heute anwende. Zweifelsohne können fachkundige Professoren mit ausgezeichneten rhetorischen Fähigkeiten stets Interesse für ihr eigenes Fachgebiet wecken. So geschah das auch im Fall von Herrn Professor Jenő Gergely, dessen Seminare die Horthy-Ära unglaublich anschaulich darstellten. Teilweise ist es ihm zu verdanken, dass mich die Themen des 20. Jahrhunderts und dieser Zeitabschnitt interessieren.

Újkor.hu: Warum ist die Beurteilung der Horthy-Ära deines Erachtens so schwierig?

András Joó: Was das Zeitalter von Horthy – vor allem Horthys  Person – angeht, sind sowohl das Fach der Historiker als auch die öffentliche Meinung deutlich gespalten. Ohne Emotionen kann meiner Meinung nach nicht einmal unser Fachgebiet bedingungslos an diese Ära herangehen, die mit einer Vielzahl individueller und kollektiver Schicksalstragödien einherging. Fast jeder ist praktisch – wenngleich in unterschiedlichem Maße –  persönlich und familiär von diesen tragischen Schicksalswenden betroffen. Es ist sehr schwierig, uns von ihnen völlig zu lösen, und obwohl man nach Objektivität trachten muss, kann der Historiker das subjektive Element dennoch nicht von sich weisen. Die Erforschung der Vergangenheit erweist sich als Sisyphusarbeit, denn wir wollen an die Epoche objektiv herangehen, wir drehen jeden Stein um, forschen und vertiefen uns in die Materie und besinnen uns erst am Ende der Arbeit darauf, dass das subjektive Element in unserer Einschätzung dennoch drinsteckt. In Mitteleuropa wie auch bei uns ist die Geschichtsbetrachtung im Vergleich zum Vereinigten Königreich oder zu den Vereinigten Staaten eine völlig andere, denn dort kann man über sensible Fragen – wegen der angelsächsischen Diskussionskultur – viel eher ein nüchternes und edles geistiges Duell führen, große Persönlichkeiten der nationalen Geschichte eventuell ernsthaft, in einzelnen Fragen sogar niederschmetternd kritisieren. Hierzulande ist das nicht gerade "in", und einzelne Diskussionen können zu ernsthaften Beleidigungen führen – zum Beispiel auch wegen des Tons.

Újkor.hu: Abschließend  –  Wozu ist die Geschichte deiner Meinung nach gut?

András Joó: Obwohl in den vergangenen Jahrzehnten hinsichtlich des Findens politischer Entscheidungen zahllose interessante Artikel und neue Forschungsergebnisse über entscheidungstheoretische Fragen auf den Gebieten der Sozialwissenschaften, der Psychologie und der internationalen Beziehungen publiziert wurden, bin ich dennoch der Meinung, dass die Geschichte für diejenigen, die sich der Politik verschrieben haben, noch immer der beste Lehrmeister ist. Das sage ich aus dem Grunde, weil nur die Geschichtswissenschaft in der Lage ist, Lehren zu bieten, die auf dem Erfahrungswege herausgefiltert werden können, vorausgesetzt, dass wir die Vergangenheit in der Tat gründlich kennenlernen und verarbeiten und uns nicht nur oberflächlich mit ihr auseinandersetzen. Für alle, die sich auf eine politische Laufbahn vorbereiten, kann es besonders nützlich sein, wenn sie sich in Fragen der Geschichte vertiefen und selbst einige historische Abhandlungen zu Papier bringen. All das kann ihren Horizont beträchtlich erweitern, obwohl diese "aktive" historische Vertiefung heute bei den politischen Akteuren nirgends mehr typisch ist. Eine klare Zukunftsvision können am ehesten diejenigen haben, denen auch die historische Perspektive nicht fehlt. Unsere Gegenwart, deren Betrachtung unsere Entscheidungen von heute bestimmt, ist eine Art Produkt unserer Vergangenheit, so unserer Geschichte, obwohl wir immer wieder glauben wollen, dass nach einem großen Wendepunkt  Tabula rasa gemacht werden kann. Das war zu Beginn meiner Laufbahn eine starke und verbreitete Überzeugung.

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