VERITAS Institut für Geschichtsforschung und Archiv

Vor 190 Jahren, am 18. August 1830 wurde unser vorletzter König Franz Joseph I. geboren, der Ungarns Geschichte eine ganze Epoche lang prägte. Die Fachliteratur ist sich relativ einig darin, dass Franz Joseph beim Betreiben der politischen Maschinerie der Österreichisch–Ungarischen Monarchie eine besondere Rolle zuzuschreiben ist. Historiker und Rechtshistoriker hoben mehrfach hervor, dass die politische Hauptmacht in Österreich und auch in Ungarn – dank seiner weitgehenden Hoheitsrechte, konstitutionelle Verhältnisse hin und her – im Wesentlichen beim Herrscher blieb, ganz zu schweigen von der gemeinsamen Außen- und Militärpolitik, auf deren Gebieten die Kontrollfunktion der  Legislativgremien (Delegationen) noch weniger zur Geltung kam. Wer sich also der Erforschung der Epoche der Doppelmonarchie annimmt, stößt früher oder später in irgendeiner Form gewiss einmal auf Franz Joseph. Auf seine Person gerichtete Forschungen sind also mehr als begründet, dafür kann der unten angeführte Quellentyp Hilfe bieten.

Synthesen über diesen Zeitraum fassen in der Regel die ausgedehnten Hoheitsrechte des Herrschers gut zusammen, betonen Franz Josephs Rolle in den einzelnen politischen Situationen und erwähnen auch seine bekanntesten Charakterzüge. Trotz allem blieb die ungarische Geschichtswissenschaft umfassende Forschungen, die sich auf Franz Joseph konzentrieren, schuldig. In den letzten hundert Jahren sind zahlreiche Biografien über seine Person in deutscher, englischer und französischer Sprache erschienen, in Ungarisch sind jedoch nur zwei, eher populärwissenschaftliche – als solche aber hervorragende – Biografien, die allerdings nicht auf Grundlagenforschungen beruhen, über unseren Herrscher zu lesen, der am längsten auf dem Thron saß (es geht um den Band von Éva Somogyi  aus dem Jahr 1989 bzw. um den von  András Gerő 1988,  der mehrmals verlegt und zuletzt 2016 herausgegeben wurde). Da seine Gestalt relativ gut bekannt ist, stellt sich die Frage, ob es sich überhaupt lohnt, in Bezug auf Franz Joseph neue Forschungen zu beginnen? Erfahrungen der Geschichtswissenschaft belegen eindeutig, dass ein Forschungsthema durch Einbeziehung neuer Quellengruppen weiter nuanciert werden kann. All das gilt auch im Fall Franz Josephs, besonders was die Untersuchungen angeht, die sich auf Ungarn konzentrieren. Solche neuen Quellen können die im Wiener Haus-, Hof- und Staatsarchiv aufbewahrten Tagebücher der Flügeladjutanten des Kaisers und Königs sein.

Die von den unterschiedlichen Waffengattungen zum unmittelbaren Dienst beim Kriegsherren beorderten Flügeladjutanten waren in der Regel vier, von denen immer zwei Dienst hatten. Obwohl die jungen, talentierten Offiziere im engeren Sinne militärische Funktion ausübten, bildeten sie in der Tat nicht nur die bewaffnete Begleitung Franz Josephs, sondern standen ihm als eine Art Faktotum zur Verfügung. Ihre Aufgaben koordinierte der Hauptadjutant Eduard von Paar, einer der wichtigsten Vertrauten Franz Josephs. Die Flügeladjutanten hatten um drei Uhr morgens ihren Dienstort vor dem Eingang von Franz Josephs Appartement einzunehmen, und sie standen ihm zur Seite, bis der Herrscher sich zur Ruhe begab. Sie ließen die ankommenden Beamten und Politiker, hin und wieder auch Familienmitglieder vor Franz Joseph, und begleiteten ihren Herren zu jedem öffentlichen Auftritt im Reich. Der bekannteste Adjutant unter den Ungarn war Nikolaus Horthy, der zwischen 1909 und 1914 unmittelbar bei Franz Joseph diente. In seinen Memoiren sprach er mit tiefer Achtung über seinen seligen König; was sicherlich auch damit zu erklären ist, dass er als Reichsverweser in vieler Hinsicht Franz Joseph als Vorbild betrachtete (zum Beispiel beim Organisationsaufbau seines Kabinettbüros und seines Militärbüros). Neben Horthy verdient noch der bei Franz Joseph sehr beliebte Béla Spányik Erwähnung, der einer der letzten Flügeladjutanten des Herrschers war.

Auf interne Anweisung begann man die Tagebücher vom 1. Januar 1895 an zu führen, selbstverständlich mit gotischer Handschrift. Leider sind nur 14 Bände aus den Zeiträumen 1895–1904 und 1908–1916 erhalten geblieben. Die gerade Dienst habenden Flügeladjutanten notierten Tag für Tag, wann der Herrscher aufstand und wann er sich zur Ruhe begab, wann er speiste, wann er wo war, wann Konferenzen oder Ministerratssitzungen mit seiner Beteiligung stattfanden, wen er empfing und wie lange. Wir wissen freilich nicht, worüber beispielsweise der ungarische Ministerpräsident während einer Audienz mit dem König konkret sprach, der Umstand jedoch, wie oft er sich mit dem Herrscher traf, hat einen gewissen Informationswert, wie es offensichtlich auch nicht egal ist, ob er sich fünf oder fünfzig Minuten in seinem Arbeitszimmer aufhielt. Die Tagebücher spiegeln auch die nicht besonders überraschende Situation getreu wider, dass der  grundsätzlich in Wien weilende Franz Joseph mehr Kontakt mit den österreichischen Politikern hatte. Dies glich der  Minister am Allerhöchsten Hoflager aus, der beim Herrscher für den Kontakt mit der ungarischen Regierung zuständig war; aus den Tagebüchern ist ersichtlich, dass er in einer verschärften politischen Situation sogar mehrmals am Tag eine Unterredung mit Franz Joseph hatte.

Die Tagebücher zeigen natürlich auch, wie lange Franz Joseph sich in Ungarn aufhielt –  in den Jahren um die Jahrhundertwende machte dies durchschnittlich 60 bis 70 Tage im Jahr aus. Sehr gut zu rekonstruieren sind die protokollarischen Programme des Kaisers und Königs,  seine Hofzeremonien, seine Reisen ins Ausland und innerhalb des Reiches, die Jagden in Gödöllő und Ischl. Aufgrund der Tagebücher ist es eindeutig ersichtlich, dass Franz Joseph um die Jahrhundertwende grundlegend in Schönbrunn wohnte, morgens in die Hofburg und nach getaner Arbeit zurück nach Schönbrunn fuhr, wo ihn die Politiker erst dann aufsuchten, wenn es gewichtigere Probleme gab. Wenn  sich der Herrscher in Ungarn aufhielt, ist es auch nachvollziehbar, dass er die Abende und Nächte in Gödöllő verbrachte und tagsüber mit dem Wagen (oder per Bahn) zu seinem quasi Dienstort, dem Palais in Buda fuhr. Selbstverständlich kommt auch aus den Tagebüchern nicht alles ans Tageslicht, denn auch ein Flügeladjutant durfte seinen Herren nicht überall begleiten, so würden wir den Namen von Katharina Schratt zum Beispiel vergebens auf diesen Seiten suchen...

Den Quellentyp stellt zwar eine 1969 an der Universität Wien verteidigte relativ kurze Dissertation vor (Ingrid Zellner: Die Tagebücher der Flügeladjutanten Kaiser Franz Josephs I.), die Arbeit blieb jedoch unveröffentlicht, und nach unserem Wissen nutzten bisher weder die österreichischen noch die  ungarischen Forscher die Tagebücher bei ihren Untersuchungen in Bezug auf Franz Joseph.

Genauer Fundort: Österreichisches Staatsarchiv, Haus-, Hof- und Staatsarchiv (Wien) Kabinettsarchiv, Kabinettskanzlei, Direktionsakten, Tagebuch der Flügeladjutanten Seiner Majestät. (Band 49–62.)

Bildquelle:  Institut und Museum für Militärgeschichte, Fotoarchiv

von Ádám Schwarczwölder