VERITAS Institut für Geschichtsforschung und Archiv

Der vor kurzem mit dem PRIMA-Preis des Komitats Somogy und dem Preis für die Bürger von  Somogy ausgezeichnete VERITAS-Generaldirektor Sándor Szakály  gab am 10. Februar dem Nachrichtenportal des Komitats SONLINE ein Interview, geführt von Gábor Marosi. Hier können Sie die Übersetzung des Gesprächs lesen.

– Wie sind Sie mit der Geschichte in Kontakt geraten und wann haben Sie angefangen, sich dafür zu interessieren?

– Ich bin in Törökkoppány, einem Dorf  im Komitat Somogy, geboren, wo  – wie man zu sagen pflegt – alles von der Vergangenheit, der Geschichte handelt. Mein Großvater, ein Schuh- und Stiefelmacher, konnte ausgezeichnet erzählen, und die von ihm vorgetragenen Geschichten zogen mich in ihren Bann. In der achten Klasse gewann ich den Komitatswettbewerb in Geschichte, so kam ich ins Landesfinale. Von hier aus datiert mein Interesse für Geschichte. Viel habe ich auch meinen Lehrern in der allgemeinbildenden Achtklassen- und  der Oberschule verdanken: Frau Fodor, Maria-Magdolna Bosnyák, Tibor Parlag, Frau Zavilla und  József Zetz.  

– Ihr Hauptforschungsgebiet bildet die Militär-, Sozial- und Sportgeschichte Ungarns zwischen 1919 und 1945. Warum haben Sie gerade diese Epoche analysiert?

– Schon als Schüler interessierten mich die Zwischenkriegszeit, der Erste und der Zweite Weltkrieg, aber auch die Periode nach 1945. Ich studierte an der Fakultät Geschichte und Bibliothekwesen der Eötvös-Lorand-Universität, und als ich ein Thema für die Diplomarbeit wählen musste, signalisierte ich einem meiner Professoren, dass ich über den bürgerlichen Widerstand und Endre Bajcsy-Zsilinszky (1944 hingerichteter Politiker und nationaler Widerstandskämpfer - Anm. Übers.) schreiben wollte. Er riet mir – das war wohlgemerkt Ende der 1970er-Jahre! –, lieber über die Lagergendarmerie zu schreiben, denn das  erste wäre ein etwas heikles Thema. Schließlich entschied ich mich dafür, und ich war der erste, der dieses Thema behandelte. Auch die Geschichte nach 1945 interessierte mich. Als Student war ich in der Bibliothek des Außenministeriums tätig, wo ich auch viel „gesperrtes Material”  lesen konnte. Ich wollte mich auch mit 1956 beschäftigen, dazu meinte jedoch ein anderer meiner Professoren, dass das ein heikles Thema sei. In jungen Jahren gehörte ich der von Tibor Huszár und György Ránki geführten Eliteforschung in der Horthy-Ära  an. Ich stieß während der Forschungen auf Dinge, die ein völlig anderes Bild zeigten, als das, worüber wir bis dahin etwas gelesen oder gewusst hatten. Dazu gehörte beispielsweise das Offizierskorps der Zwischenkriegszeit. Die Dokumente erzählten etwas anderes und ich war in diese Materie wie "verliebt". Ich versuchte, mir aufgrund zeitgenössischer Quellen anzuschauen, inwieweit  zwischen der Wirklichkeit und den uns bis dahin gelehrten Dingen Übereinstimmung herrscht und inwieweit die Bilder falsch sind, die uns „aufgezeig”t wurden.

– Inwieweit sind sie falsch?

– Ziemlich. Ich führe – sehr vereinfacht – ein Beispiel an. Es wurde immer behauptet, dass Offiziere generell aus Kreisen der Aristokratie stammten; sie wären ungebildet, stupid und zumeist schwäbischer Abstammung. Hingegen sah ich, dass es kaum Aristokraten unter ihnen gab, sie sprachen mehrere Sprachen und waren ausgebildete Menschen. Das „Gentry-Bild” von Zechern, das über sie vor allem aufgrund von Kálmán Mikszáths Werken entstand, entspricht nicht der Wirklichkeit, denn den Großteil der „Zechenden” bildeten Reserveoffiziere. Vor 1945 wurde jeder mit Abschluss der Oberschule früher oder später Offizier der Reserve. Schon als Student lernte ich mehrere Berufsoffiziere mit Wissen und Bildung kennen – unter ihnen Generalmajor Mihály Kanotay, die Oberstleutnants des Generalstabs Andor Kásás und Ernő Pacor, die persönlich Zeugen der Zeit des Zweiten Weltkriegs der Horthy-Ära waren. Der selige Kálmán Kéri, Oberst des Generalstabs, wurde mein großväterlicher guter Freund, den ich ebenfalls aus meiner Studentenzeit kannte. Ich war oft bei ihm, und wir unterhielten uns über zahlreiche Dinge, so auch über die durchlebte und beschriebene Geschichte. Nachdem ich diese Menschen kennengelernt und die zeitgenössischen Dokumente gelesen hatte, entstand für mich ein völlig anderes Bild über diese Gruppe der Gesellschaft, als man es sehen sollte. Da war noch die Frage der Abstammung, über die ebenfalls nicht die Wahrheit gesagt wurde. Wer einen deutsch klingenden Namen hatte, wurde als von schwäbischer Abstammung und als germanophil abgestempelt, unabhängig davon, ob er mütterlicherseits eventuell ein Ungar war.

– Gibt es heutzutage noch heikle Themen in der Geschichte, über die es besser ist nicht zu sprechen?

– Die Gesamtheit unserer Geschichte gehört uns, unabhängig davon, welche Periode, welche Reihe von Ereignissen oder welche Person wir nachträglich schön finden oder meinen, dass sie zu verurteilen oder zu vergessen sind. Wir müssen zur Gesamtheit stehen, daher kann es darin keine heiklen oder weniger heiklen Dinge geben. Es gibt Geschehnisse und Dinge, wegen derer sich Zeitgenossen oder die Nachwelt schämten/schämen, sie können aber aus unserer Vergangenheit nicht gelöscht werden. Ich denke, die Fragen sollten nicht als heikel betrachtet, sondern die Geschehnisse realistisch dargestellt werden. Wir sollten immer versuchen, uns in die gegebene Periode und Zeit hineinzuversetzen, aufgrund welcher Informationen, welchen Zwangs und welcher Nicht-Zwangssituationen Entscheidungen gefällt wurden. Meines Erachtens kann man mit der Anschauung und den Kenntnissen des 21. Jahrhunderts nicht Ereignisse und Persönlichkeiten vorheriger Jahrhunderte beurteilen.

Der Militärhistoriker ist stolz auf sein Vaterland

Im Zusammenhang mit den Preisen hob Sándor Szakály hervor: Man darf nie vergessen, woher man kommt, auch nicht die Gemeinschaft, der man angehört. – "Ich dachte, ich kehre nach Somogy zurück. Ich wäre gern Bibliothekar und Geschichtslehrer geworden, irgendwo im Komitat. Das Leben wollte es nicht so. Nach Möglichkeit komme ich immer wieder ins Komitat. Etwa Anfang der 1990er-Jahre gab es die erste Gelegenheit, als ich dank meines Freundes Ferenc Szili, damals Direktor des Komitatsarchivs, einen Vortrag in Kaposvár halten konnte. Es ist eine Ehre für mich, dass meine Tätigkeit mit diesen beiden wertvollen Preisen anerkannt wurde".  

Er bekam mehr als erwartet

Sándor Szakály betonte weiter: Es ist ihm gelungen, eine Laufbahn gehabt zu haben, von der er als kleiner Schüler aus Törökkoppány und als Kind eines Dorfschuhmachers und einer Näherin nicht einmal träumen durfte. Er ist voll und ganz zufrieden damit, dass er Universitätsprofessor geworden ist, ein Institut leitet und sich auch des Titels Doktor der Ungarischen Akademie der Wissenschaften erfreuen kann.  Er meint, mehr vom Leben bekommen zu haben, als er erwartet haben könnte.