VERITAS Institut für Geschichtsforschung und Archiv

Zwischen dem  12. und 25. August 1920 kam es zur entscheidenden Schlacht im sowjetisch-russisch-polnischen Krieg bei der polnischen Hauptstadt, wobei die Rote Arbeiter- und Bauernarmee (RKKA), die zwei Monate zuvor eine allgemeine offensive eingeleitet hatte, eine erniedrigende Niederlage erlitt.  Die Schlacht ging bald als Wunder an der Weichsel in die polnische Geschichte ein, nachdem es gelungen war, die sowjetisch-russischen Truppen völlig unerwartet von Warschaus Umgebung zu verdrängen.

Um die damaligen Ereignisse zu verstehen, müssen wir auf die Zeit des Ersten Weltkriegs zurückkommen. Nachdem die Mittelmächte und das bolschewistische Sowjet-Russland am 3. März 1918 den Frieden von Brest‒Litowsk abgeschlossen hatten, erschien der polnische Staat de facto wieder auf Europas Landkarte. Die Frage war nur noch, inwieweit die von den Russen eingenommenen Gebiete des sog. Kongress-Polens mit dem Deutschen Reich und mit den von Polen bewohnten, zur Österreichisch-Ungarischen Monarchie gehörenden Gebieten vereint werden sollten.

Zum Glück der Polen erkannte auch die Entente nach der Niederlage der Deutschen den neuen polnischen Staat an, daher entstand bis zur Zeit der sowjetisch-russischen Offensive die II. Polnische Republik.

Nach dem Ersten Weltkrieg  kam auf diese Weise nicht nur der polnische Staat zustande, sondern es gelang auch, die von Polen bewohnten Gebiete zu vereinen. Die neu geborene Rzeczpospolita Polska stand jedoch mit sämtlichen Nachbarn in territorialem Streit, denn die Festlegung der genauen Grenzen erfolgte zu dieser Zeit noch nicht. Die Situation war allerdings im Osten am schwierigsten: Als der Waffenstillstand am 11. November 1918 von Compiègne unterzeichnet wurde, baten die Entente-Mächte die Deutschen ausgesprochen darum, die im Osten besetzten Gebiete noch  nicht zu evakuieren?räumen, damit die Bolschewiki nicht an Raum gewannen. Das Deutsche Reich, das am Rand eines Bürgerkriegs und des völligen Zusammenbruchs tanzte, war gezwungen, die im Weltkrieg besetzten Gebiete von fast einer Million Quadratkilometern zu räumen. Dadurch entstand im osteuropäischen Raum ein gewaltiges Machtvakuum.

Sowjet-Russland begann vom Ende 1918 an, in diese Region einzudringen: Lenin proklamierte von Anfang an, über eine Weltrevolution nachzudenken. Es gelang, die den Bolschewiki gegenübersehenden „weiß”-russischen Kräfte allmählich zu isolieren, später, Anfang 1920, vom Gebiet des ehemaligen zaristischen Reiches zu vertreiben. Dann war es aber abzusehen, dass sich der bolschewistische Volkstribun gründlich verschätzte und die Weltrevolution nicht ausbrach. Es blieb also nichts anderes übrig, als die Verbreitung der Idee mit Waffen/gewalt? zu erzwingen.

Bis zum Sommer 1920 kommt das wichtigste Rahmensystem des Friedenssystems von Versailles zustande: Es entstehen die neuen Staaten in Mittelosteuropa. Das Hauptproblem in Bezug auf die Regelung bestand darin, dass Moskau dies nicht anerkannte, denn die Sowjets wurden zur Friedenskonferenz nicht einmal eingeladen; anders formuliert bezog sich das Friedenssystem von Versailles nicht auf Sowjet-Russland.  

Zu dieser Zeit und deshalb entschloss sich die bolschewistische Staatsmacht zur Westoffensive  ‒ ihre früheren Erfolge ermöglichten, im späten Frühjahr 1920  in eine Offensive gegen die Polen zu übergehen. Ihr Ziel war es, nach Polens Niedertreten weiter in Richtung Europas Herz vorzustoßen. Bald entfaltete sich auf einer mehrere hundert Kilometer langen Frontlinie ein Bewegungskrieg: Nachdem jeder Staat Europas nach dem Ersten Weltkrieg ausgeblutet war, konnte auch die RKKA auf dem gewaltigen Kriegsschauplatz nur etwa 350.000 Soldaten einsetzen. Die Entente unterstützte zwar die Polen, die Belegschaft der nach Warschau entsandten Militärmission erreichte aber  nicht einmal 500 Mann. Auch die Polen hatten nur die Zeit, um improvisierte Stellungen auszubauen, so kam der Kavallerie und der Anwendung /dem Einsatz?von an Fuhrwerken montierten Maschinengewehren auf  beiden Seiten eine entscheidende Rolle zu. Dank dem persönlichen Charisma und dem Talent des Generals/Befehlhabers? und Staatschefs Józef Piłsudski hielten die Polen den Feind erfolgreich dabei an, die polnische Hauptstadt zu umzingeln und drängten die sowjetisch-russische Westfront mit einem kräftigen Gegenangriff zurück, obwohl deren völlige Umstellung und Vernichtung nicht gelangen.

Dass die Polen bei Warschau die RKKA stoppen/anhalten konnten, dabei spielten das Glück und auch die Tatsache eine markante Rolle, dass sich die sowjetisch-russischen Nachschublinien nach dem Vorstoß streckten. Der Befehlshaber der sowjetisch-russischen Westfront, M.N. Tuchatschewski ‒ der zu dieser Zeit vom roten Napoleon mit einem Epitheton ornans ausgezeichnet wurde ‒ verwirklichte zwar erfolgreich das Prinzip von Moltke (getrennt marschieren), der gemeinsame und konzentrierte Einsatz der Divisionen (vereinigt schlagen) gelang aber nicht. Daher konnte die sowjetisch-russische Seite bei Warschau lediglich 50.000 Soldaten einsetzen. Tuchatschewski erklärte, dass der Weg zur Weltrevolution über die Leiche Polens führe. Den ausgezeichneten General verließ aber damals das Soldatenglück, denn seine Truppen wurden zurückgedrängt. Neben den rohen taktischen und strategischen Fakten schrieben die Polen ihren Sieg der göttlichen Intervention zu, da der Höhepunkt der Schlacht genau auf den Feiertag Maria Himmelfahrt (mit der polnischen Bezeichnung Himmelfahrt der Heiligsten Jungfrau Maria) fiel. Im polnischen historischen Gedächtnis bekam vielleicht nur die Belagerung von Częstochowa  1655 - der erfolglose schwedische Angriff auf das Kloster in Jasna Gora - eine dermaßen hohe Bedeutung.

Ungarn, das fast zur völligen Demilitarisierung verurteilt war, lieferte den Polen einen beachtlichen Teil seines übriggebliebenen Vorrats an Kriegsmaterial von etwa achtzig Waggons. Die staatssozialistische Geschichtsschreibung schrieb diese Tatsache in erster Linie dem Antibolschewismus des konterrevolutionären Systems zu. Ich aber bin der Ansicht, dass dabei eher die historische polnisch‒ungarische Freundschaft der entscheidende Faktor war. Vergessen wir nicht: All das machte das Königreich Ungarn so, dass auch die Polen  einen Anteil vom historischen Ungarn bekamen, indem ein Gebiet der Größe des heutigen Budapests abgetrennt wurde. So hätte die Losung „Alles zurück!”, die zu dieser Zeit noch gesamtgesellschaftliche Unterstützung genoss, auch auf das ungarisch‒polnische Beziehungssystem ihren Schatten werfen können.

Alles in allem: Während Polen vom Friedenssystem von Versailles recht viel  profitierte (in dieser Hinsicht gewann vielleicht Rumänien mehr, das sein Territorium fast verdreifachte), verlor unser von Unglück verfolgtes Land  auf genau entgegengesetzte Art und Weise seinen Status als europäische Mittelmacht. Die Franzosen kamen - auch durch die Tatsache der ungarischen Hilfeleistung - darauf, dass das Friedenssystem von Versailles schwerwiegende Mängel und Unzulänglichkeiten aufweist: Deshalb zeigte sich in der Politik von Paris auch eine gewisse  Wiederherstellung der früheren Ordnung. Neben anderen Faktoren erhielt Karl IV.,  der im Exil in der Schweiz lebte, die ersten Anzeichen, nach denen die französische Diplomatie nichts gegen seine Rückkehr auf den ungarischen Thron gehabt hätte.

Die Schlacht bei Warschau war zugleich die erste massive Erprobung des Friedenssystems von Versailles, dabei kamen allerdings auch die Schwächen der Regelung zu Tage. Polen hatte eine schwierige territoriale Diskussion mit der Tschechoslowakei, deren Ausmaß so groß war, dass Prag den ungarischen Transport über sein Gebiet nicht einmal zuließ. Daher kam er nur mit einem riesigen Umweg über Rumänien in Polen an. Das Beneš‒Masaryk-Duo torpedierte/vereitelte? auch den Plan, dass Ungarn 30.000 Soldaten ‒ im Wesentlichen 85% des im Diktat von Trianon genehmigten Heeres ‒ zum polnischen Kriegsschauplatz entsendet. Warschau musste also bis zum Schluss seine Nachbarn im Westen und Süden im Auge behalten; es gelang nicht einmal nach  Kriegsende, die Gegensätze zu schlichten. Piłsudskis Gegenangriff  ging für die polnischen Waffen mit glänzenden Erfolgen einher; obwohl es im Frieden von Riga zum Abschluss des Krieges nicht gelang, das ursprüngliche Ziel, die Wiederherstellung der Grenzen des polnischen Staates vom Jahr 1772 zu erreichen, kamen bedeutende Gebiete mit weißrussischer und ukrainischer Bevölkerung unter Warschaus Leitung. Die Sowjets gaben ihren Revanchewunsch wegen der erniedrigenden Niederlage nie auf, den sie dann 1939 durchsetzen konnten.

Wir nämlich wissen schon, dass die II. Republik 1939 trotz dem polnischen Sieg 1920 vernichtet wird ‒ es stimmt zwar, dass dazu der Zusammenschluss zweier diabolischer totaler Diktatoren sowie die fast völlige Passivität der westlichen Demokratien erforderlich waren. Alles in allem haben die Polen eine Generation davor gerettet, dass  Mittelosteuropa in bolschewistischer Diktatur lebt. Die Ereignisse im Jahr 1920 bewiesen jedoch auch, dass die Region grundsätzlich  selbst überlassen und von den westeuropäischen demokratischen Staaten nicht zu viel Gutes zu erwarten ist. Das Wunder an der Weichsel stellt in diesem Sinne einen Meilenstein in den polnisch‒ungarischen Beziehungen dar, der auch als Beispiel für die heutige V4-Zusammenarbeit dienen kann.