VERITAS Institut für Geschichtsforschung und Archiv

Nach der Revolution und dem Freiheitskampf von 1956 mussten Kádár und seine Leute die Ungarische Volksarmee fast aus dem Nichts aufbauen, die zu Beginn nur den „Schutz des Systems" als ausschließliche Aufgabe hatte. Am Anfang der ’60er-Jahre dachten die Sowjets, dass sich die NATO in der ersten Phase eines Kriegs die Vernichtung der wichtigsten Objekte und Anlagen als Aufgabe stellen wird. So rechneten sie mit Schlägen von Raketen, Bombern und Kampfflugzeugen. Ein Teil der Offensivkräfte hätte  Ungarn lediglich für Überflüge genutzt, um weit entfernte Ziele zu erreichen. Daher ist es kein Wunder, dass die Entwicklung der Luftabwehr die erste Aufgabe des Regimes nach der Revolution wurde. Die Sowjetunion rechnete mit Angriffen von mehreren Seiten. Aufgrund der Reichweite der damaligen Waffen und der nachrichtendienstlichen Aufklärungsdaten konnten sie auch ausrechnen, ein Angriff welcher Kräfte von wo möglich wäre und welche Gebiete Ungarns und der Verbündeten angegriffen würden. Sie Sowjets fürchteten unerwartete Schläge, daher rechneten sie in diesem Fall damit, dass Staaten mit kleinem Territorium, aber großer Bevölkerungsdichte lahmgelegt würden.

Gegen Ungarns Territorium erwartete man einen Angriff aus der Richtung Italiens und der BRD. Deswegen hielt man die Aufklärung für besonders wichtig. Das schnelle Ausrücken der Streitkräfte in die Alarmräume und die Mobilisierung der Armee und der Wirtschaft wurden Gesichtspunkt, der besonders zu beachten war. Die Sowjets rechneten nicht einmal im Spiegel ihrer "Prognosen" damit, einen Verteidigungskrieg zu führen; in ihren strategischen Plänen kam dem Angriffskrieg eine besondere Rolle zu. Sie wollten Westeuropa im Fall eines eventuellen Dritten Weltkriegs durch Atomschläge lahmlegen. Ihr erstrangiges Ziel war es, Großstädte und große Industriezentren zu zerstören. Es ist eine Tatsache, dass die NATO Anfang der ’60er-Jahre über mehr atomare Mittel verfügte, im Bereich der konventionellen Waffen kam jedoch die Kräfteüberlegenheit des Warschauer Vertrages zur Geltung. Im Laufe eines eventuellen Kriegs rechnete die Sowjetunion gleich mit mehreren Angriffsrichtungen, und zwar aus nördlicher, mittlerer und südlicher Richtung, zur letzteren hätte auch Ungarn gehört. Warschau und Prag waren die beiden Hauptzielpunkte nördlich von Ungarn.

Es wurde mit mehreren Atomschlägen auf ungarischem und feindlichem Gebiet gerechnet, was auch die Lähmung der Kommunikationsmittel hätte verursachen können. In der ersten Phase eines Krieges wäre die atomare Verseuchung eines Gebietes von der mehrfachen Größe Ungarns zu befürchten gewesen. Die Einnahme der Großstädte plante weder der Warschauer Vertrag noch die NATO, so hätten sie sie vermutlich vernichtet; sie wollten keine Zeit und Energie  für deren Belagerung aufwenden, wie sie dies im Zweiten Weltkrieg getan hatten.  Die Aufklärung  eines Einsatzes von Atomwaffen wurde zu einer wesentlichen Frage. Die schnellen Kriegsoperationen und die Versorgung der Einheiten mit Panzern und sonstigen  gepanzerten Fahrzeugen hielt man für wichtig. Von Ungarn aus hätten die ungarischen und die sowjetischen Divisionen in die Richtungen Donau, Ljubljana und Nord-Italien sowie Graz angegriffen. Die Neutralität Österreichs interessierte die Ersteller der Pläne für den Dritten Weltkrieg nicht besonders. Auch die Rolle Jugoslawiens war zu Beginn nicht geklärt, man dachte später, dass es auf die Seite des Warschauer Vertrages wechseln wird.

Von Dávid Kiss

Bild: Reinigung des Panzers T-55 1971 in  Tata (Quelle: Fortepan)