VERITAS Institut für Geschichtsforschung und Archiv

„Die ungarischen Historiker sind nicht einer Meinung darüber, welche Sicht, welche Herangehensweise bei der Beurteilung von Trianon richtig ist” – sagte der Historiker Sándor Szakály, Generaldirektor des VERITAS  Instituts für Geschichtsforschung und Archiv, Professor an der Károli-Gáspár Universität der Reformierten Kirche, Anfang Juni in seinem Interview aus Anlass des 100. Jahrestages der Entscheidung von Trianon.

– Historiker pflegen zu sagen, ein gewisser zeitlicher Abstand sei notwendig, um ein Zeitalter, ein Problem verstehen zu können. Wie ist die Position der ungarischen Geschichtswissenschaft, was das Verständnis von Trianon angeht?
– Ich bin der Ansicht,  dass man im Zusammenhang mit Trianon viele Neuigkeiten nicht mehr aufdecken kann, eher besteht die Möglichkeit, die vorhandenen Quellen nach unterschiedlichen Gesichtspunkten zu interpretieren.  Im Fall von Trianon taucht am häufigsten die Frage auf, warum gegen Ungarn diese Strafe verhängt wurde. Manche nennen dabei die Nationalitätenpolitik des dualistischen Staates, andere wiederum die Verschwörung verschiedener Kräfte. Ich meine, Trianon und die drastische Ziehung neuer Landesgrenzen  wurden durch die Niederlage im (Ersten) Weltkrieg verursacht.

- In einer Friedensperiode wäre die  Österreichisch-Ungarische Monarchie gewiss nicht zerfallen.

Gewiss wären verschiedene innenpolitische Veränderungen eingetreten, sie wären aber Bestandteile eines normalen Entwicklungsprozesses gewesen. Der Krieg veränderte und beschleunigte diesen Prozess jedoch radikal.

Man muss auch darüber reden, dass ein Teil der Angehörigen nationaler Minderheiten in Ungarn – die auch außerhalb der Landesgrenzen  Staaten hatten (z.B. das Königreich Rumänien oder das Königreich Serbien) – sich von ihren außerhalb des Königreichs Ungarn lebenden Landsleuten angezogen fühlten, auch dann noch, wenn sie mit ihnen in Wirklichkeit nie im selben Land lebten. Viele Menschen  dürften die Vorstellung  gehabt haben, dass es zielführend wäre, sich ihnen anzuschließen. Die Historiker müssten diese Gesichtspunkte noch gründlicher untersuchen.

- Die ungarischen Historiker sind nicht einer Meinung darüber, welche Sicht, welche Herangehensweise bei der Beurteilung von Trianon  zutreffend ist.

Über eine Frage kann man aber leider nicht diskutieren, und zwar darüber, dass Ungarn den Weltkrieg verloren hatte. Als Folge des mit einer Niederlage beendeten Großen Kriegs ist Ungarn zu einem zerstückelten und verstümmelten Land geworden.

– Es gibt zahlreiche Narrative von Historikern für die Erklärung von Trianon. Nach einer der populären Vorstellungen arbeitete im Kreis der siegreichen Seiten auch ein beachtlicher Ungarn-Hass. Inwieweit trifft diese  Meinung zu?


– Es gibt auch in dieser Frage unterschiedliche Meinungen.

Ich persönlich habe das Gefühl, dass im Fall von Trianon von einem ausgesprochenen Ungarn-Hass nicht die Rede sein kann.

Wir kennen freilich die auf  Irrtümern basierenden Legenden, nach denen der Franzose Clemenceau die Ungarn  deshalb verabscheute, weil seine Schwiegertochter aus Ungarn stammte. (Damit behaupte ich nicht, dass er den Staat Ungarn und  die Ungarn mochte.) Statt dieser Art von Gerüchten muss man bewusst machen, dass die Entscheidungen aufgrund der Großmacht-Interessen und nicht auf emotionaler Grundlage gefällt wurden.

Mehrere Siegermächte waren der Meinung, dass die nationalen Minderheiten – samt beträchtlichen Territorien – vom Gebiet des Königreichs Ungarn "entfernt" werden sollten. Aufgrund der Angaben der Volkszählung 1910 bekannten sich nur 54% der Bevölkerung Ungarns - Kroatien nicht mitgerechnet – als Ungarn mit ungarischer Muttersprache.

– Bestand das grundlegende Ziel darin, die Österreichisch-Ungarische Monarchie zu zerstören?

– Nein, das entwickelte sich in der Zwischenzeit. Nicht einmal beim Kriegseintritt der Vereinigten Staaten von Amerika wurde erklärt, dass die Österreichisch-Ungarische Monarchie zerstört werden sollte.

Die Siegermächte schätzten hingegen die Situation am Ende des Kriegs so ein, dass in Europas Mitte eine ausgleichende Großmacht, wie es die Monarchie  gewesen war, nicht mehr notwendig sei: denn auch das zaristische Russland  fiel praktisch auseinander und  das Deutsche Kaiserreich hörte ebenso auf, in seiner früheren Form zu existieren.   

- Da muss man natürlich hinzufügen, dass  – unter anderen – Beneš und Masaryk bemüht waren,  alles zu unternehmen, die Entente-Mächte davon zu überzeugen, dass die Monarchie als Staat nicht mehr gebraucht wird. Auch die rumänischen und  serbischen Politiker beteuerten dieselben Argumente. Den Rumänen wurden in dem Bukarester  „Geheimabkommen” Gebiete vom Königreich Ungarn bis zur Theiß  versprochen. Von diesem Gesichtspunkt aus gestaltete sich die ungarisch-rumänische Grenze nach Trianon aus ungarischer Sicht schließlich günstiger...

Für die Zerstückelung der Monarchie wurde auch damit argumentiert, dass dadurch Nationalstaaten in diesem Raum entstehen können. Dies war allerdings keine Minute wahr: Aus der multinationalen Österreichisch-Ungarischen Monarchie, die Europas Staat mit dem größten Territorium war – entstanden mehrere Länder mit weit kleinerem Gebiet und mit vielen nationalen Minderheiten. Wenn wir uns hineindenken, können das  Königreich Rumänien, die Tschechoslowakische Republik oder das Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen – später das Königreich Jugoslawien –  alles andere, nur nicht als homogene Nationalstaaten bezeichnet werden.

– In welche Situation gerieten die außerhalb die Landesgrenzen verbliebenen Ungarn?

– Das Schicksal einer Minderheit zu erleben bedeutete für alle eine riesengroße Schwierigkeit. Die Ungarn erlitten sowohl kulturell als auch wirtschaftlich viel auf den losgetrennten Gebieten, wovon die Auswirkungen bis heute zu spüren sind.

-Wir dürfen auch nicht vergessen, dass die in den Nachbarländern durchgeführten Bodenreformen in erster Linie die Ungarn, die Schicht der ungarischen Grundbesitzer besonders nachteilig betrafen.

Das Ungartum erlitt einen beträchtlichen Vermögensverlust, zugleich blieb ihnen noch die Möglichkeit, im politischen Leben eine Rolle zu übernehmen, sich einzubringen. Die politischen Rechte wurden noch nicht so weit beeinträchtigt, wie dies nach ’45 der Fall war.  Denken wir bloß an die Beneš-Dekrete, auf deren Grundlage die Ungarn im damaligen Oberland fast jeglicher Rechte beraubt wurden. In der Vojvodina  begann 1944-45-die von Titos Partisanen geführte Vergeltungsaktion, gezielt gegen die ungarische Bevölkerung. Auch in Rumänien gab es zahlreiche Gewalttaten gegen die Ungarn.

Zusammenfassend kann man sagen, dass im Leben  der Ungarn außerhalb der Landesgrenzen nach 1945 eine viel schlechtere Situation eingetreten war als nach 1920.

All das sieht man sehr wohl auch daran, wie schnell Bevölkerungsrückgang und Assimilation auf diesen Gebieten vor sich gingen. Man kann erkennen, dass sich der Rückgang der Anzahl der Ungarn nach 1945 viel schneller vollzog als in der Zwischenkriegszeit. Diesen damals begonnenen Prozess halte ich für sehr gefährlich und besorgniserregend. Man muss mit aller Kraft die Bestrebungen unterstützen, die das Wohlergehen im Vaterland voranbringen.

– Man pflegt zu sagen, dass eine Nation durch ihre gemeinsame Vergangenheit und gemeinsame Zukunft zusammengehalten werden kann.  Inwieweit können die Ungarn jenseits der Landesgrenzen und im "Mutterland" am Aufbau einer gemeinsamen Zukunft arbeiten?

– Dies hängt vom Entschluss der dortigen Ungarn ab. Die als Minderheit Existierenden erleben ihr Ungartum anders als wir. Am wesentlichsten wäre, dass das Recht auf Sprachgebrauch, die Möglichkeit des Unterrichts in der Muttersprache und die Kirchen erhalten bleiben – denn sie sind in der Lage, die Gemeinschaft zu erhalten. Die Eltern und Großeltern  müssen daran denken: Wenn sie ihre Identität aufgeben, gehen sie für die Gemeinschaft verloren.

Wenn sie ihre Kinder aus unterschiedlichen Überlegungen nicht in Schulen mit ungarischer Unterrichtssprache geben, sind diese für das Ungartum früher oder später verloren. 

Es ist nicht schwer einzusehen: Wenn wenig Kinder die ungarischen Schulen besuchen, wird der Staat diese früher oder später abschaffen. Diese Wirkung lässt sich auch in der Hochschulbildung spüren – langsam verschwinden die Fakultäten mit ungarischer Unterrichtssprache an den verschiedenen Universitäten. Dagegen muss man auftreten, nicht nur  mit vollem Klang, sondern durch die Darstellung positiver Beispiele und durch die Schaffung von Möglichkeiten, Ungar zu bleiben. Es ist recht schwer, von Ungarn aus weise Ratschläge zu geben, es ist schwer zu sagen, was und wie das gemacht werden sollte, wie man die Wirkung von Trianon überleben soll, dessen Folgen auch in Zukunft noch zu spüren sein werden. Eines ist aber gewiss:

Es muss jedem Ungarn, der außerhalb  unserer Landesgrenzen lebt, bewusst gemacht werden, dass wir bei ihnen sind und dass wir zusammengehören.

Gábor Tóth