VERITAS Institut für Geschichtsforschung und Archiv

Nach meinem Gefühl ist es sehr bedauerlich, dass gerade in diesem Jahr, da wir des 100. Jahrestags der  Unterzeichnung des Friedensdiktats von Trianon gedenken, nicht zusammen sein können. Die entscheidende Mehrheit der Gedenkfeiern musste – aus verständlichen Gründen – verschoben oder in den Online-Raum "verlegt" werden. Das geschah zu einem Zeitpunkt, als die Tragödie des Friedensdiktats von Trianon nach langer Zeit zur nationalen Zusammengehörigkeit veredelt wurde”, erklärte der Generaldirektor des VERITAS Instituts für Geschichtsforschung und Archiv, Sándor Szakály, am 19. Oktober im Interview für unsere Zeitung (Vasárnap).

– Worin besteht die Aktualität der Konferenz des VERITAS Instituts am 20. und 21. Oktober?
– Unsere Konferenz mit dem Titel 1919-1920,  der Weg zum Vertrag von Trianon  hätten wir ursprünglich im März veranstaltet, wir mussten sie jedoch im Hinblick auf die Epidemie verschieben. Aus demselben Grund änderte sich auch der Schauplatz, denn sie hätte  ursprünglich im Parlament stattfinden sollen, wegen der Pandemie wird sie aber im Gebäude des VERITAS Instituts für Geschichtsforschung und Archiv beraten (natürlich bei strenger Einhaltung der Vorschriften zur Eindämmung der Epidemie). Wir können auch Besucher nur in beschränkter Zahl – nach vorheriger Registrierung – empfangen. Die Konferenz kann selbstverständlich auf der Website des Instituts auch online verfolgt werden.

Der virtuelle Raum ist wichtig, aber das Wahre ist, wenn die Menschen wirklich zusammen sein können  – vor allem in Bezug auf so ein Thema. Ich empfinde es als  sehr bedauerlich, dass wir gerade in diesem Jahr nicht  zusammen sein können, wenn wir des 100. Jahrestages der Unterzeichnung des Friedensdiktats von Trianon gedenken. Die überwiegende Mehrheit der Gedenkfeiern musste – aus verständlichen Gründen  –  verschoben oder in den Online-Raum "verlegt" werden.

Das geschah zu einer Zeit, da die Tragödie des Friedensdiktats von Trianon nach langer Zeit zur nationalen Zusammengehörigkeit veredelt wurde.

Auch nach der Zerrissenheit der Nation fand das Ungartum zu sich – leider wurde gerade dieses würdige und gemeinsame Gedenken durch COVID erschwert.

– Welche historischen Erklärungen gab es hundert Jahre danach für den Landverlust durch Trianon? Worin besteht heute die Bedeutung des Friedensdiktats?

– Die ungarische Geschichte des 20. Jahrhunderts kann man nicht ohne die Kenntnis von Trianon verstehen, denn das ist ein unumgänglicher Ausgangspunkt.

Das gibt die Erklärung dafür, warum Ungarn Beteiligter des Zweiten Weltkrieges wurde, daraus kann man jede ungarische politische Absicht und Tat verstehen.

Nach meinem Dafürhalten  führte die Niederlage im Ersten Weltkrieg zum Vertrag von Trianon, und nicht, wie das Verhältnis der in Ungarn lebenden nationalen Minderheiten zum Ungartum war. Ohne Weltkrieg wäre keine solche Spaltung eingetreten, ich bin mir aber auch dessen gewiss, dass es mit der Zeit Veränderungen innerhalb der Monarchie gegeben hätte. Ich kann mir allerdings nur schwer vorstellen, dass sich die Rumänen von Siebenbürgen friedlich Rumänien angeschlossen oder dass die Tschechen und Slowaken eine gemeinsame "Einheit" innerhalb der Monarchie geschaffen hätten. Wir wissen freilich, dass es in unserem Beruf kein "wenn" und "wäre/hätte" gibt, daher müssen wir die Gründe immer besser verstehen, die zu dem Friedensdiktat führten.

– Dieses Jahr haben wir ziemlich oft hören können, dass zu den Hauptverursachern des Friedensdiktats von Trianon die Freimaurer gehörten. Trifft das wirklich zu?

– Ich bin der Ansicht, dass die Freimaurerei keine bestimmende Rolle spielte; Tatsache ist aber, dass es unter den Entscheidungsträgern tatsächlich manche gab, die  daran interessiert waren, gewisse Schichten der ungarischen Gesellschaft aufzulockern, sie gegeneinander aufzuhetzen.

Die entscheidende Grundthese war jedoch, dass Ungarn als Mitgliedsland der Österreichisch-Ungarischen Monarchie den Großen Krieg verloren hatte sowie dass es kein Großmacht-Interesse gab, das ein derartiges Reich in Europas Mitte aufrechterhalten wollte.  

Warum wurde nach deren Meinung die Monarchie nicht mehr gebraucht?

– Die ausgleichende Rolle, die die Monarchie früher gegenüber dem sich vereinenden Deutschland und Russland gespielt hatte, war im 20. Jahrhundert nicht mehr notwendig. Die Briten und vor allem die Franzosen meinten, dass sie diese Funktion auch mit einer Allianz von Kleinstaaten erfüllen können. Die Völker, die früher in anderen Staaten gelebt hatten, zeigten hingegen einen übertrieben großen Appetit, wobei sie von niemandem in Schranken gewiesen wurden. Es war leicht, gewisse Wünsche und Träume aus dem Eigentum anderer zu befriedigen...

Es ist jedoch eine wichtige Frage, inwieweit die Entscheidungsträger des Friedensdiktats – die die neuen Grenzen zogen und Europas Zukunft entschieden – wahrheitsgemäße oder falsche Informationen zum Beispiel von den emigrierten tschechischen Politikern erhielten. 1916 wurden auch dem Königreich Rumänien das gesamte Siebenbürgen und sonstige Regionen aus dem Territorium des Königreichs Ungarn versprochen, vorausgesetzt: sie wechseln von der Seite des Dreibundes hinüber…

Hätten die Rumänen keine derartigen Versprechen bekommen, dann wäre es unwahrscheinlich gewesen, dass sie in den Krieg eingetreten wären und die Österreichisch-Ungarische Monarchie angegriffen hätten.

– Auf der Konferenz werden also zahlreiche Vorträge im Zusammenhang mit dem Friedensdiktat zu hören sein?

– Ja, es geht um ein zweitägiges Programm, wobei die Vorschriften des Friedensdiktats, die Nationalitätenfrage, kulturelle Angelegenheiten sowie einzelne herausragende Persönlichkeiten behandelt werden. Es gibt sehr viele Themen, man kann nur recht schwer eine Auswahl unter den hervorragenden Mitarbeitern und Vorträgen treffen. Manche Vortragende kommen aus den abgetrennten Gebieten und berichten über ihre dortigen jüngsten Forschungsergebnisse. Auf diese Weise handelt es sich um eine hochinteressante  Veranstaltung, die auch neue Informationen vermittelt. Trianon spielt eine bestimmende Rolle in der Vergangenheit und in der Gegenwart des Ungartums: Es  determinierte alles, was nach 1920 geschah. Eine Konferenz dieser Art muss dies über das Fachliche hinaus auch der Öffentlichkeit vermitteln.

Interessenten kann ich empfehlen, sich die Website des VERITAS Instituts für Geschichtsforschung und Archiv anzuschauen, wo das gesamte Programm der Konferenz zur Verfügung steht.

Die Konferenz kann auch online verfolgt werden!

                                                                                                                                  Gábor Tóth