VERITAS Institut für Geschichtsforschung und Archiv

Am 10. September 2020 veröffentlichte das ungarischsprachige historische Portal „Erdélyi Krónika” in Rumänien ein Interview mit unserem Mitarbeiter Attila Réfi. Im Folgenden geben wir die deutschsprachige Übersetzung dieses Interviews wieder.

 

„Das besondere Interesse für Geschichte zeigte sich schon seit meiner frühen Kindheit”

Interview mit Historiker Dr. Attila Réfi

(Militär- und Sozialhistoriker Attila Réfi wurde im Jahr 1974 in Ajka geboren. Er studierte an der Katholischen Péter-Pázmány-Universität sowie an der Eötvös-Loránd-Universität (ELTE) und promovierte im Jahr 2009. Er war unter anderem an der Philosophischen Fakultät der ELTE und im Forschungszentrum für Geisteswissenschaften der Ungarischen Akademie der Wissenschaften (UAW, ungarisch MTA) tätig. Zurzeit ist er Hauptarchivar und Teamleiter des VERITAS Instituts für Geschichtsforschung und Archiv. Er ist wissenschaftlicher Leiter der Nationalen Porträtsammlung, Mitglied der öffentlichen Einrichtung der UAW und der International Napoleonic Society (INS). Während seiner Laufbahn wurde er unter anderem mit dem Jugendpreis der Ungarischen Akademie der Wissenschaften und dem Géza-Perjés-Preis für junge Militärhistoriker ausgezeichnet und erhielt das Richard Plaschka-Stipendium der österreichischen Regierung.)

Könntest du uns über die Anfänge deiner Laufbahn erzählen? Welchen Personen und Einflüssen ist es zu verdanken, dass du Historiker geworden bist?

Das besondere Interesse für Geschichte hat im Grunde mein ganzes Leben begleitet und zeigte sich schon seit meiner frühen Kindheit. Die Anfänge könnte ich jedoch nicht mit einem konkreten Ereignis oder einer konkreten Person in Verbindung bringen. Als früheste Erinnerung in diesem Zusammenhang kann ich mich lediglich daran erinnern, dass ich als Erstklässler schnell lesen gelernt und mich in Besitz dieses wunderbaren Wissens sofort auf die Bücher in meinem Umfeld gestürzt habe. Dabei fand ich im Bücherregal meiner Eltern das Buch „Régi magyar mondák“ [Alte ungarische Sagen] von Dénes Lengyel und dessen Fortsetzung „Magyar mondák“ [Ungarische Sagen], die zu meinen Lieblingslektüren wurden. Auch später las ich mit großer Freude die darin enthaltenen interessanten kurzen Geschichten, die einen mehr oder weniger großen Wahrheitsgehalt aufweisen. Auf diese Weise machte ich mir schon früh ein Bild von den wichtigsten Figuren und Ereignissen der ungarischen Geschichte.

Aufgrund meines Vornamens interessierte ich mich insbesondere für die hunnisch-ungarische Sagenwelt und vor allem natürlich für die Figur König Attilas, die mir nahe standen. Diese Tatsache wurde dadurch noch gesteigert, dass ich im Bücherregal des Klassenzimmers des Schulhorts das Werk „Mondák könyve“ [Buch der Sagen] von István Komjáthy fand, das ebenfalls zu einem meiner prägenden Leseerlebnisse wurde. Zwar ist der Wahrheitsgehalt des Buchs ziemlich gering, sein literarischer Wert und das damit verbundene Leseerlebnis sind jedoch umso größer.

Auch später verschlang ich historische Romane. Hervorheben würde ich den Klassiker „Ivanhoe“ von Walter Scott, der im England zur Zeit der Kreuzzüge spielt und das Buch „Mathias rex“ von Zsolt Harsányi, das ein anschauliches Bild über die Zeit der Hunyadi-Dynastie vermittelt.

Damals zeigte zum Glück auch das Fernsehen unzählige Historienfilme, die ich mir begeistert anschaute.

Aufgrund dessen ist es wenig überraschend, dass ich bereits sehr darauf gewartet habe, dass in der fünften Klasse endlich der Geschichtsunterricht beginnt. Ich wurde zum Glück nicht enttäuscht, weil ich in der Person von Pál Radnai einen hervorragenden, über eine große Erfahrung verfügenden Lehrer bekam, der mir schon bald auch menschlich nahestand. Später hatte ich auch im Gymnasium eine hervorragende Lehrerin in der Person von Ilona Németh. Sie beide trugen in bedeutendem Maße dazu bei, dass sich meine Begeisterung für die Geschichte vertiefte und mein Wissen festigte. Unter der Leitung von Ilona Németh kam ich im dritten Jahr des Gymnasiums im Themenkreis „Die Zeit der Hunyadi-Dynastie” in das Finale des Landeswettbewerbs für Oberschüler und erhielt vom Ministerium für Bildung und Kultur eine Anerkennung.

An beide ehemalige Lehrer erinnere ich mich sehr gern. Leider ist keiner von ihnen mehr am Leben.

Außer ihnen muss ich unbedingt noch auf eine weitere Person zu sprechen kommen, die eine bedeutende Wirkung auf mich ausgeübt hat.

Gegen Ende der 1980er Jahre entschieden meine Eltern, mich auch privat Deutsch unterrichten zu lassen. Auf ihre Bitte erschien an einem frühen Nachmittag im Sommer ein älterer hagerer, kahl werdender Herr, der damals schon um die 70 Jahre alt war, sich jedoch guter Gesundheit erfreute. Zu Beginn musterte er mich verdächtig: „Bei mir muss man lernen, denn mit faulen und dummen Schülern beschäftige ich mich nicht“ – sagte er, um quasi mein Engagement auf die Probe zu stellen.

Einige Tage später fand auch schon unsere erste gemeinsame Stunde statt. Onkel Laci (László), so hieß der Mann, war zum Glück angenehm überrascht, und schon von Anfang an kamen wir einander nahe. Er wurde eine Art großväterlicher Lehrmeister für mich, der mir gegenüber sehr wohlgesonnen war. So sehr, dass er von der zweiten Stunde an (!) überhaupt kein Geld von meinen Eltern annahm und mich jahrelang kostenlos unterrichtete, und zwar nicht nur in Deutsch, sondern weit darüber hinaus: In Geschichte und Menschlichkeit, in einer Weise, die auch meine Welt- und Lebensanschauung in bedeutendem Maße prägte.

Er war nämlich nicht nur ein einfacher Deutschlehrer, über einen solchen Abschluss verfügte er überhaupt nicht. Seine perfekten Sprachkenntnisse, seine Intelligenz und sein pädagogisches Gespür machten jedoch Onkel Laci zu einem hervorragenden Lehrer, der meines Wissens erst als Rentner zu unterrichten begann und davor Büroarbeit bei den Kohlebergwerken in Ajka versehen hatte. Seine Laufbahn scheint aufgrund dessen nur wenig spannend zu sein, es stellte sich jedoch schon bald heraus, dass er Mitglied einer alten und wohlhabenden Adelsfamilie aus West-Transdanubien, der Familie Hettyey von Makkos-Hetye war, die in der einstigen Welt, im Ungarn unter Nikolaus von Horthy, das in den letzten Jahren des Sozialismus bereits weit zurückzuliegen schien, zu den höchsten Kreisen gehört hatte. Einer seiner Onkel war General gewesen, sein Cousin Jagdflieger. Er selbst war ebenfalls ein tapferer und stattlicher Soldatenoffizier, ein Absolvent der berühmten, namhaften Ludovika-Militärakademie. Als Oberleutnant der Feldartillerie kämpfte er während des gesamten Zweiten Weltkriegs und kam auch in das Don-Knie, wo ein sowjetischer Soldat, mit dem er in einen Nahkampf und ein Gerangel verwickelt war, seine Handfläche durchschoss. Eine Narbe zeugte bis zu seinem Lebensende davon.

Mit einer solchen Laufbahn hinter sich vermittelte mir Onkel Laci natürlich auch viele weitere Kenntnisse. So erzählte er mir über den Ersten und Zweiten Weltkrieg, die Ludovika-Militärakademie, oder zum Beispiel über den Winzer des Weinguts seiner Familie auf dem Somló-Berg. Der Mann war im Ersten Weltkrieg in Kriegsgefangenschaft geraten und von dort schließlich auf abenteuerlichen Wegen, über die Mandschurei und dann über das Meer heimgekehrt. Vor allem teilte Onkel Laci natürlich seine eigenen, persönlichen Erlebnisse, zahlreiche Geschichten aus seinem Leben mit mir. So stellte sich heraus, dass er in einem Schloss aufgewachsen war, als Kind eine Gouvernante für ihn gesorgt hatte, und dass er vier Sprachen beherrschte.

Ich bewunderte stets seine Haltung und seine menschliche Größe, die Tatsache, dass er mit dem Ausbau des sowjetischen Systems zwar sein Vermögen und seine soziale Stellung verloren hatte, seines Glaubens und seiner Menschlichkeit jedoch nie beraubt werden konnte. Er blieb auch in der Zwei-Zimmer-Plattenbauwohnung und in der alltäglichen Arbeit, zu der er gezwungen war, Ungar, Christ, ein Herr und vor allen Dingen ein Mensch (mit Großbuchstaben). Er wurde überhaupt nicht zu einer von Hass geblendeten, erbitterten Person. Neben dem Glauben und der Demut ertrug er nämlich sein Schicksal mit ungebrochener guter Laune und Humor.

Aufgrund des bisher Gesagten ist es vermutlich nicht überraschend, dass ich mich, als es um das Weiterstudieren ging, eindeutig für das Studienfach Geschichte entschied, obwohl mich Vieles interessierte, insbesondere die Zoologie.

Die Veränderungen des Jahres 1989 erreichten dich als Jugendlichen im Gymnasium einer Kleinstadt in Transdanubien, zu einer Zeit, als die Kommunikationsmöglichkeiten bescheidener waren. Welche Erinnerungen hast du an diese Zeit?

Für einen Jugendlichen von Heute erscheinen die achtziger Jahre des vorigen Jahrhunderts ohne Internet und Smartphone sicherlich wie die dunkle Steinzeit. Zum Glück hatten wir aber die Zeit der Rauchzeichen und Steintafeln damals schon hinter uns gebracht. Das Fernsehen, das Radio und die Printmedien berichteten eifrig über die Veränderungen, die einem Erdbeben gleichkamen und die wir teils mit Erstaunen, teils mit riesiger Freude und Euphorie aufnahmen.

In Anlehnung an den Dichter Mihály Tompa bezeichnet man im Allgemeinen das Revolutionsjahr 1848/49 als „Jahr der Wunder”, aber ich könnte auch für die Ereignisse des Jahres 1989 keine treffendere Bezeichnung finden. Es war ein erhebendes, kathartisches Erlebnis zu sehen, wie – um auf den emblematischen Song der Band Scorpions zu verweisen – der „Wind of Change“ durch Europa und natürlich durch Ungarn fegte. Als wir aus der Schule heimkamen, griffen wir sofort zu der aktuellen Tageszeitung bzw. liefen zum Fernsehgerät, insbesondere zur Zeit von Ereignissen, die sprichwörtlich die Grundmauern erschütterten, wie der Fall der Berliner Mauer oder die Revolution in Rumänien. Wir konnten die weltgeschichtlichen Veränderungen bzw. die für uns ähnlich wichtigen ungarischen Ereignisse, wie zum Beispiel die Umbettung des Leichnams von Ministerpräsident Imre Nagy und seiner Gefährten oder das Ausrufen der Republik praktisch live verfolgen. Im Laufe des Jahres war natürlich der Ausgang der einzelnen Ereignisse sehr zweifelhaft. So war zum Beispiel die Spannung im Zusammenhang mit den DDR-Flüchtlingen oder dem Widerstand des reformierten Geistlichen László Tőkés in Siebenbürgen groß. Bis zum Jahresende entwickelte sich jedoch alles wie im Märchen.

Die Jahre 1989 und 1990 waren natürlich nicht aus dem Nichts gekommen, es war ein langer Prozess, der zu dieser Zeit seinen Höhepunkt erreicht hatte. Die in diese Richtung wirkenden kleineren Veränderungen hatten schon viel früher begonnen, was nicht nur auf der großen politischen Bühne, sondern auch in meinem alltäglichen Leben zu spüren war. So konnte ich dank der freieren Reisemöglichkeiten im Sommer 1987 erstmals nach Österreich reisen, wo wir zusammen mit meinen Eltern an einer größeren Rundreise teilnahmen. Dabei besuchte ich auch erstmals die Kaiserstadt Wien, die später in meiner Laufbahn und in meinen Forschungen so bestimmend wurde. Es lohnt sich zu erwähnen, dass man sich aus dem damaligen Ungarn nach Österreich kommend in einer vollkommen anderen Welt wiederfand. Die hier erfahrene Freiheit und der Wohlstand waren atemberaubend.

Im Vergleich dazu stellte es einen bedeutenden Kontrast dar, als ich im Sommer 1988 in die damalige DDR reisen konnte. Dort fand ich nicht nur im Gegensatz zu Österreich, sondern sogar im Gegensatz zum Ungarn der späten Kádár-Ära ein viel strengeres und rigideres System vor. So hätte ich damals überhaupt nicht gedacht, dass der Wind der Freiheit kaum ein Jahr später auch das Regime Erich Honeckers wegfegen würde.

Alles in allem war das eine großartige und erhebende Periode für die Zeitgenossen, so auch für mich. Überschattet werden die Erinnerungen jedoch ein wenig von der Tatsache, dass die großen Hoffnungen von damals bei weitem nicht alle Wirklichkeit wurden. Noch dazu hat sich auch Westeuropa, das wir damals bewunderten und dem wir uns so sehr anschließen wollten, in unseren Tagen von Grund auf verändert, wobei diese Veränderung nicht gerade vorteilhaft ist.

In den ersten beiden Jahren deiner Laufbahn warst du als Museologe tätig: Zunächst im Landesmuseum für Technik (OMM) und dann im Landesmuseum und -institut für Theatergeschichte (OSZMI). Wie blickst du auf diese Zeit zurück?

Dieser kurze Zeitabschnitt, der – um ganz genau zu sein – nicht einmal zwei Jahre dauerte, ist am ehesten deshalb von Bedeutung für mich, weil ich in dieser Zeit meine berufliche Tätigkeit aufnahm und mein erstes eigenes Einkommen verdiente. Diese Tatsache weckte ein gutes Gefühl in mir und erfüllte mich auch mit etwas Stolz.

Im Zusammenhang mit dem Technischen Museum möchte ich die damalige Generaldirektorin Éva Vámos hervorheben, der ich dankbar bin, dass sie mir auch als Berufsanfänger eine Möglichkeit gab und meine Tätigkeit auch später genau verfolgt und mich unterstützte. Ich war im Wesentlichen als ihr direkter Mitarbeiter tätig. Frau Professor Vámos war eine hervorragende Vertreterin der Technik- und Wissenschaftsgeschichte, genauer der Chemiegeschichte, die besonders hohen Wert auf die Pflege der internationalen Beziehungen legte. Auch meine prägendste Erinnerung aus der mit ihr verbrachten Zeit hängt damit zusammen: Im Jahr 2002 fand nämlich die aktuelle Konferenz der Mitteleuropäischen Union Technischer Museen (MUT) gerade in Budapest bzw. Esztergom statt, und das OMM war der Gastgeber. Vorbereitungen und Durchführung bedurften einer bedeutenden Organisationsarbeit, bei der auch ich eine wichtige Rolle spielen durfte. Ich musste täglich mit den technischen Museen der umliegenden Länder per Telefon bzw. Fax Abstimmungsgespräche führen und für Unterkunft und Verpflegung sorgen. All das bedeutete eine nützliche Erfahrung auch für den weiteren Abschnitt meiner Laufbahn. Zudem erfüllte mich die aktive Mitwirkung an der schließlich überaus erfolgreichen Veranstaltung mit einem guten Gefühl.

Neben meinen PhD-Studien absolvierte ich auch die Ausbildung zum Kulturmanager an der Universität ELTE, sodass ich auch mit der Theaterwelt engere Beziehungen knüpfen konnte. Meine Abschlussarbeit schrieb ich über die Marketingstrategie des damals von István Márta geleiteten Theaters „Új Színház“, und zwar unter der Betreuung von István Szabó, dem stellvertretenden Direktor des Landesmuseums und -instituts für Theatergeschichte (OSZMI). Auf seinen Ruf hin wechselte ich vom Technischen Museum in das OSZMI, wo ich an der damals beginnenden Digitalisierung der über mehrere Jahrzehnte hindurch erstellten Aufnahmen von Theatervorführungen mitwirkte. So war ich teilweise auch für die Beschaffung der damals als äußerst modern geltenden und dementsprechend teuren technischen Geräte verantwortlich, was ich sehr genoss, weil ich mich auch für Technik interessiere. Meine Aufgabe war zudem die Zusammenstellung einer Datenbank mit den aufgezeichneten Vorführungen, die meines Wissens bis heute in Verwendung ist. Somit war womöglich auch meine dortige Tätigkeit nicht vollkommen nutzlos.

Es ist sonderbar und sollte auf jeden Fall erwähnt werden, dass heute keine der vorhin genannten Institutionen mehr in selbständiger Form existiert, nachdem sie zwischenzeitlich mit anderen Museen zusammengelegt wurden.

Der obige Abschnitt kann in meiner Laufbahn insgesamt als eine kurze, jedoch bunte Episode angesehen werden, die aus Sicht meiner beruflichen Entwicklung als Historiker nur eine geringe Rolle spielte. Der am ehesten bestimmende Zeitabschnitt meines Lebens begann nämlich erst nach diesem kurzen Abstecher in den beiden Museen, und zwar an der Universität ELTE sowie später im gemeinsamen Forschungsteam der UAW (MTA) und der ELTE an der Seite der Professoren Jenő Gergely und István Vida.

Erzähl uns bitte über deinen ehemaligen Doktorvater, Professor József Zachar! Welche Rolle spielte er in deinem Berufsleben?

Selbstverständlich ist auch die Rolle von József Zachar aus Sicht meiner beruflichen Entwicklung von grundlegender Bedeutung, insbesondere was die Vertiefung der militärgeschichtlichen Richtung bzw. der diesbezüglichen Kenntnisse angeht. Noch dazu war er nicht nur mein Doktorvater, sondern hatte auch schon meine Abschlussarbeit betreut, die sich ebenfalls mit den Husaren der Napoleonischen Kriege beschäftigte. Auf diese Weise verfolgte und unterstützte er meinen Weg mehr als ein Jahrzehnt hindurch bis zu seinem plötzlichen Tod.

Unser erstes Treffen fand im Frühjahr 1997 im Gebäude des Instituts und Museums für Militärgeschichte in der Burg von Buda statt, wo er als wissenschaftlicher Stellvertreter des Generaldirektors tätig war. Damals empfing er mich noch in seiner mit Stolz getragenen Oberstuniform, und von der Wand seines Büros blickte das Bild eines anderen Obersten, des Freiherrn Joseph von Simonyi, auf uns herab. Er war von Anfang an nett und freundlich zu mir, und ich konnte stets auf seine fachlichen Ratschläge zählen.

Kurz nach unserem Kennenlernen kam es jedoch zu einem bedeutenden Bruch in seinem Leben. Er wurde nämlich als Berufssoldat ziemlich früh, auf dem Höhepunkt seiner Schaffenskraft, in den Ruhestand versetzt, was ihn sehr mitnahm. Dies betraf unsere fachliche Beziehung im Wesentlichen nicht, lediglich insofern, als dass er mich im weiteren Verlauf nicht im Institut für Militärgeschichte, sondern überwiegend in seiner Wohnung zu unseren häufigen Besprechungen empfing. Dabei war es in erster Linie eher er, der sein riesiges Wissen mit mir teilte, ich hörte ihm mit großer Freude zu und versuchte, mir das auf mich prasselnde Wissensmaterial zu eigen zu machen. Unsere Gespräche wiesen zudem oft weit über das Thema meiner Abschluss-, später Doktorarbeit, die Napoleonischen Kriege bzw. die Husaren, hinaus. Aus dem zweifelsohne markanten Aspekt von Herrn Professor Zachar bekam ich auch ein umfassendes Bild über unseren Beruf, die hervorragenden und weniger hervorragenden Vertreter, den ethischen und moralischen Zustand des wissenschaftlichen Lebens und das Wirken verschiedener Lobbys und Interessengruppen. Zum Glück kam mit der Zeit auch seine Laufbahn wieder ins Lot, nachdem er an der Károly-Eszterházy-Hochschule in Eger zu lehren begonnen hatte. Hier fand er dank der lieben Kollegen und engagierten Studierenden ein neues, inspirierendes berufliches Umfeld.

Ich möchte noch hervorheben, dass er mich auch regelmäßig zu diversen wissenschaftlichen und militärischen Veranstaltungen mitnahm. Dadurch erweiterte sich auch mein beruflicher Horizont, und zugleich konnte ich auch eine Vielzahl neuer Kontakte knüpfen. Ihm ist es zum Beispiel zu verdanken, dass ich Honved-Oberst Kálmán Nagy, den lieben Onkel Kálmán, kennenlernen und mit ihm Freundschaft schließen konnte, der der Doyen der damals noch lebenden einstigen Husaren des Zweiten Weltkriegs war.

Als weitere positive Tatsache im Zusammenhang mit József Zachar möchte ich auch betonen, dass er mich aus fachlicher Sicht nicht erdrückte, mir die Möglichkeit gab, meinen eigenen Weg zu gehen. Wenn ich jedoch um Hilfe und Rat bat, dann stand er mir stets gerne zur Verfügung.

Zum Glück konnte er die erfolgreiche Verteidigung meiner Doktorarbeit noch erleben. So weit ich weiß, bin ich der einzige Student von ihm, der zu seinen Lebzeiten, von Anfang an unter seiner Betreuung stehend den Doktorgrad erworben hat.

Du warst mehrmals ‒ zuerst zwischen 2003 und 2005 ‒ Lehrbeauftragter an der Loránd-Eötvös-Universität. Mit welchen Gefühlen bist du in dieser neuen Rolle in deine Alma Mater zurückgekehrt und welche Erfahrungen hast du als Dozent gemacht?

Zunächst möchte ich festhalten, dass ich hauptberuflich Forscher war und die Lehrtätigkeit während meines bisherigen Lebens nur zweitrangig war. Selbstverständlich war es eine spannende, neuartige Erfahrung, plötzlich auf der anderen Seite zu stehen und Studierende zu unterrichten, die nur einige Jahre jünger waren als ich. Es machte mich zugleich sehr stolz, an der führenden Universität des Landes lehren zu können. Zu Beginn war ich natürlich sehr nervös, und ich habe mich sehr viel auf die Stunden vorbereitet. Ich hatte auch mit einer gewissen Identitätsstörung zu kämpfen, da ich als Doktorand noch selbst am Unterricht teilnahm. So kam es auch schon einmal vor, dass ich eine halbe Stunde nach einem von mir geleiteten Seminar bereits als Student an einer PhD-Stunde teilnahm.

Im Laufe der Jahre hat sich selbstverständlich mein Wissen erweitert und meine rhetorischen Fähigkeiten sind auch besser geworden, sodass ich mit der Zeit immer selbstbewusster vor den Studierenden stand. Ich machte zugleich leider die Erfahrung, dass das Niveau der Geschichtskenntnisse der Studierenden im Laufe der Jahre spürbar sank. Die Gründe hierfür wurzeln einerseits in der öffentlichen Bildung und hängen andererseits mit dem Sinken des Prestiges der Geisteswissenschaften zusammen. Als Folge des Letzteren entscheiden sich nämlich immer weniger hochbegabte Studierende für die Geisteswissenschaftliche Fakultät. Zudem tat meiner Meinung nach auch der sogenannte Bologna-Prozess dem Niveau der geisteswissenschaftlichen Ausbildung nicht gut.

Zum Glück gibt es trotz alledem immer noch engagierte und talentierte Studierende, deretwegen es sich lohnt, zu unterrichten. Zudem lernt – getreu dem Motto „docendo discimus” (wir lernen durch das Lehren) – auch der Dozent häufig Neues: Die Studierenden nähern sich nämlich manchmal bestimmten Problemen mit einer vollkommen neuartigen Sichtweise und formulieren auch Fragen, die sich für den Dozenten gar nicht ergeben.

Schließlich ist es im Fall der wenig begeisterten Studierenden eine bedeutende fachliche Herausforderung, das in ihnen verborgene Interesse zu wecken, was jedoch im Fall der bewegten Geschichte der Husaren wohl nicht so schwierig ist.

Im Rahmen deiner Forschungen hast du dich in erster Linie mit den Husaren der Habsburger-Armee beschäftigt, wobei du mitunter auch einen Blick auf die weiteren Truppengattungen der Kavallerie geworfen hast (z. B. Kürassiere, Ulanen). Wie bist du auf diese Themen gestoßen, und worin siehst du deren Aktualität und Bedeutung?

Ebenso wenig wie den Beginn meines Interesses für die Geschichte kann ich die genauen Anfänge meines Interesses für die Husaren bestimmen, aber auch das reicht bis in die „Urzeiten“ zurück. Tatsache ist, dass ich schon beim ersten Faschingsfest im Kindergarten als Husar verkleidet war. Später hielt ich bei einem Faschingsfest in der Schule als „Betyar“ [berittener ungarischer Strauchdieb im 19. Jahrhundert] eine Hetzpeitsche in der Hand. Dieser ungarische, berittene Zweig war also stets präsent. Hierbei möchte ich auch anmerken, dass einst meine beiden Großväter Pferde besaßen, sodass sich diese Zuneigung offensichtlich nicht aus dem Nichts heraus entwickelte.

Bei der Feier zu meinem 10. Geburtstag bekam ich dann von einem Klassenkameraden ein Buch geschenkt, nämlich den historischen Roman „Simonyi óbester“ [Oberst Simonyi] von Iván Ordas [der ungarische Ausdruck „óbester“ kommt vom deutschen Wort „Oberst“, ist jedoch heute schon veraltet und wird praktisch nicht mehr gebraucht]. Als ich den Titel las, hatte ich selbstverständlich keine Ahnung, was „óbester“ bedeutet. Da ich zu diesem Anlass zahlreiche weitere Bücher geschenkt bekam, wanderte der Roman vorerst ungelesen in mein Regal. Nur einige Jahre später nahm ich ihn wieder in die Hand, und fortan legte ich ihn – ein wenig übertrieben – nie mehr beiseite. Es ist nämlich das Buch, das ich am häufigsten in meinem Leben gelesen habe, mindestens 15 Mal. Da mich jedoch zahlreiche Bereiche der Geschichte interessierten, kam es mir lange Zeit hindurch gar nicht in den Sinn, dass ich mich konkret näher mit den Husaren oder der Zeit der Franzosenkriege beschäftigen sollte. Im dritten Studienjahr an der Universität dachte ich aber bereits stark über die möglichen Themen meiner Abschlussarbeit nach. Ich hatte viele Ideen, konnte mich jedoch nicht wirklich entscheiden. An einem Wochenende im elterlichen Haus schaute ich aber auf das Bücherregal in meinem Zimmer, und mein Blick fiel auf das bereits erwähnte Werk über meinen geliebten Helden, und da kam die Erleuchtung…

Im Anschluss daran begann ich sofort, mich in das Thema einzuarbeiten, das mich selbstverständlich immer mehr in seinen Bann zog und später bestimmend in meinem Leben wurde.

Was die Bedeutung und Aktualität der Husaren betrifft, so müssen wir betonen, dass die Geschichte der Husaren zugleich auch 500 Jahre ungarische Geschichte bedeutet. Noch dazu wuchs sie im Laufe dieser langen Zeit weit über ihren ursprünglichen, militärischen Charakter hinaus und erkämpfte sich einen bestimmenden Platz in unserem Nationalbewusstsein. Die Husaren sind zum festen Bestandteil der ungarischen Folklore und Kultur geworden, ja sogar weltweit zum Symbol für ungarische Tapferkeit und ungarisches Heldentum. Als prägendes Element unseres historischen und kulturellen Erbes sind sie jedoch bei weitem nicht nur ein fester Teil unserer Vergangenheit, sondern auch unserer Gegenwart, was der Tatsache zu verdanken ist, dass unser nationales Bewusstsein in den vergangenen Jahrzehnten erstarkte. Denken wir nur an die Traditionspfleger, dank derer die Husaren erneut zu einem untrennbaren Teil unserer Nationalfeiertage geworden sind. Ich könnte aber auch den Wettbewerb „Nemzeti Vágta“ (Nationaler Galopp) erwähnen, der als eine feierliche Veranstaltung für Pferdetraditionen ebenfalls eng mit den Husaren verbunden ist, zugleich aber auch ein bedeutendes Medienereignis darstellt.

Der besondere Wert und der ungarische Charakter der Truppengattung der Husaren wurden auch offiziell anerkannt. So erhielt der „Ungarische Husar“ im Jahr 2007 die Auszeichnung „Ungarisches Erbe“ und wurde im Jahr 2017 in die Sammlung der Hungarika aufgenommen.

Trotz der Wichtigkeit und Bedeutung all dessen hat unsere Geschichtsschreibung auf dem Gebiet der Erforschung der nationalen Truppengattung zahlreiche Schulden. Bis zum heutigen Tag wurden viele wichtige Bereiche nicht aufgearbeitet, und die erschienenen Werke sind oft überholt oder es handelt sich mehrheitlich lediglich um populärwissenschaftliche Aufarbeitungen, die entsprechende Grundlagenforschungen entbehren. Parallel dazu schlugen zahlreiche falsche Informationen und nicht mit Tatsachen untermauerte Feststellungen sowohl in einem Teil der Fachliteratur als auch im öffentlichen Bewusstsein Wurzeln. Typischerweise war auch die Bewerbung um die Auszeichnung als Hungarikum nicht frei von diversen Fehlern.

Ich habe leider den Eindruck, dass es über die spektakulären Aufmärsche und Vorführungen hinaus keinen wirklichen Bedarf gibt und kein entsprechender fachlicher Hintergrund zur Verfügung steht, um die Geschichte mit wissenschaftlichem Anspruch zu erschließen. Dies fehlt nicht nur von Seiten der Entscheidungsträger der militärischen oder kulturellen Szene, sondern auch von Seiten der wissenschaftlichen Sphäre.

Was die Kürassiere und Ulanen betrifft, so verfügen diese nur über wenige ungarische Bezüge und können eher aus internationalem Aspekt von Interesse sein. Andererseits sind sie wegen des Vergleichs mit den Husaren wichtig. Wenn wir nämlich die verschiedenen berittenen Truppengattungen miteinander vergleichen, so kommen die Besonderheit und der großartige, einzigartige Charakter der Husaren noch eher zum Vorschein.

Welche Pläne hast du für die Zukunft?

Aufgrund meiner derzeitigen Anstellung als Archivar und Büroarbeiter im VERITAS Institut für Geschichtsforschung und Archiv habe ich naturgemäß weniger Zeit und Energie, um mich in wissenschaftliche Forschungen zu vertiefen. Selbstverständlich habe ich aber auch so einige Projekte zu betreuen.

Eine wichtige Forschung, die ich teilweise in Verbindung mit meiner Arbeit bei VERITAS betreibe, ist die wissenschaftliche Aufarbeitung des einzigartig reichhaltigen, schriftlichen und fotografischen Nachlasses des königlich-ungarischen Feldmarschallleutnants Imre (Emmerich) von Csécsi Nagy. Dieser Nachlass befindet sich im Übrigen bis heute im Besitz der Nachfahren. Dank der Fügung des Schicksals habe ich den Urenkel des Generals, Ádám Illéssy, kennengelernt und mit ihm Freundschaft geschlossen. Auf diese Weise bot sich mir die Möglichkeit, das fast einhundert Jahre währende Leben des tapferen Husarenoffiziers aufzuarbeiten, der in Szatmárnémeti (Sathmar) geboren wurde und zwischen 1868 und 1967 lebte. Dies ist bei weitem nicht nur aus militärischer oder militärhistorischer Sicht wichtig. Dank der Forschungen bezüglich des Generals, der auch eine bedeutende Rolle im öffentlichen Leben spielte, eröffnet sich uns nämlich ein monumentaler und überwältigender Lebensweg, der eng mit den großen Schicksalsereignissen unserer Geschichte des 20. Jahrhunderts verbunden ist. Im Zusammenhang damit möchte ich auch hervorheben: Was mich am ehesten interessiert, sind die individuellen Schicksale im unendlichen und schwer durchschaubaren Lauf der Geschichte.

Anlässlich des 250. Geburtstages des tapfersten ungarischen Husaren, des bereits mehrmals erwähnten Obersten Freiherr Joseph Simonyi von Vitézvár im nächsten Jahr plane ich mit der Nationalen Porträtsammlung (im Jahr 2021), eine Husarenporträt-Ausstellung zu organisieren. In diesem Zusammenhang möchte ich vom gesamten Gebiet unseres seit 100 Jahren in mehrere Teile geteilten Landes Husarenporträts aus öffentlichen und Privatsammlungen aufspüren und zusammen mit einem kurzen Lebenslauf der Abgebildeten ausstellen.

Die wichtigste Aufgabe des Historikers ist nämlich meines Erachtens das Erinnern, die Bewahrung des nationalen Gedächtnisses, was im Fall unseres vom Schicksal geplagten Volkes besonders wichtig ist. Ich verspreche keine Lösung oder keinen Wegweiser für die großen Fragen der Gegenwart und der Zukunft, wie es einige meiner Kollegen auf verkrampfte und gezwungene Weise tun, um in dieser Form zu versuchen, die Daseinsberechtigung unserer untergehenden Disziplin zu beweisen. Ich möchte mit meinen Arbeiten, so zum Beispiel auch durch die geplante Ausstellung, lediglich an die Helden und den Ruhm längst vergangener Zeiten und mich selbst an sie erinnern.

 

von Csaba Horváth