VERITAS Institut für Geschichtsforschung und Archiv

Die sowjetischen Truppen waren bemüht, die Aufständischen, die die Donau-Insel Csepel  noch eine Woche lang nach der sowjetischen Invasion am 4. November hielten, mit dem Einsatz von Panzern, Minen und Flugzeugen zu brechen. Die Sowjetarmee verlor während der Zusammenstöße mindestens acht Panzerwagen, sagte János Rácz in seiner Erklärung für das Portal hirado.hu. Den wissenschaftlichen Mitarbeiter des  VERITAS Instituts für Geschichtsforschung und Archiv befragten wir zur Heldentat der Aufständischen, die die Insel Csepel 1956 eine Woche lang erfolgreich verteidigt hatten.

– Der 11. November markiert im Kalender ein besonderes Datum: An diesem Tag war es der Sowjetarmee 1956 gelungen, Csepel einzunehmen. Das ist auch deshalb beachtenswert, weil die Einheiten beim Angriff auf die ungarische Hauptstadt schon am 4. November bis zum Parlament vorgedrungen waren. Was geschah innerhalb dieser Woche, wie konnten die Aufständischen die Insel so lange halten?

– Es war recht viel, was dazu führte: Obwohl Csepel und die Arbeiterschaft von Csepel aus Sicht der kommunistischen Politik  herausragende Bedeutung hatten, waren Zielpunkte des erneuten sowjetischen Eingreifens am 4. November 1956 in erster Linie das Parlament und das Regierungsviertel; ferner ging es darum, die Gruppen von Aufständischen zu isolieren und zu liquidieren. Wir dürfen allerdings nicht die Neutralisierung der ungarischen Streitkräfte vergessen. Csepel galt eher als ideologisches Symbol des Arbeiterstaates und weniger als strategischer Punkt. Primär ging es meines Erachtens darum, die Corvin-Gasse, den Széna-Platz und die innenstädtischen Zentren des Aufstandes zu neutralisieren. Dadurch waren die aus Sicht der politischen Führung primären Bereiche der Innenstadt zu beherrschen. Dies mindert nicht die Verdienste der Csepeler, die die Verteidigung mit ihren verfügbaren Mitteln, mit Hilfe von Soldaten und Polizisten, ausgezeichnet organisierten und dabei auch die vom Terrain gegebenen Möglichkeiten ausnutzten. All dies bereitete den sowjetischen Truppen unbestreitbar ziemliche Kopfschmerzen, von den Verlusten gar nicht zu reden. Die sowjetischen Truppen bemühten sich, die Aufständischen mit dem Einsatz von Panzern, Minen und Flugzeugen zu brechen.

– Was wissen wir über die Einheiten der Csepeler Revolutionäre,  über welche Bewaffnung, welche Mittel verfügten sie? Welche Rolle spielten  die Luftabwehrgeschütze bei der Verteidigung der Insel?

– Die Zivilisten verfügten in erster Linie über Handwaffen, sowjetische Maschinenpistolen mit Trommelmagazin und Handgranaten.  Die auf dem St. Emmerich-Platz und in der Umgebung aufgestellten Luftabwehrgeschütze wurden zu Beginn  gemischt von Soldaten und Zivilisten bedient, ein Teil der Soldaten  hingegen verließ allmählich das Terrain der Kämpfe wegen Aussichtslosigkeit. Einige hundert Menschen nahmen aktiv an der Verteidigung teil. Die Luftabwehrgeschütze spielten vor allem beim Schutz gegen die Panzer eine Rolle. Die Aufklärung der Sowjets war schwach und sie unterschätzten anfangs die Csepeler, sie rechneten nicht mit so großem Widerstand. Die Sowjets verloren mindestens acht Panzer im Laufe der Zusammenstöße.

– Den 7. November feierten die Aufständischen mit dem Abschuss eines Bombers.  Setzten die sowjetischen Truppen demnach auch die Luftstreitkräfte bei der Einnahme von Csepel ein?

– Ja, es waren auch Flugzeuge im Einsatz, es gelang, einen sowjetischen Bomber des Typs Il-28 abzuschießen, der am Friedhof von Csepel abstürzte. Offensichtlich wollte man mit den Flugzeugen und dem Minenfeuer die Geschütze vernichten.

– Aus Sicht des Völkerrechts gab es in Ungarn vom 4. November an - wenn ich das richtig interpretiere - Kriegshandlungen. Könnte man die Geschehnisse in Csepel als "einwöchigen Krieg" bewerten?

– Viele sind der Ansicht, dass man auf jeden Fall von einem sowjetisch-ungarischen Krieg, von einem Freiheitskampf sprechen kann. Vergessen wir jedoch nicht: Auch wenn wir von einem Krieg sprechen,  dürfen wir nicht jene Ungarn, Mitglieder der einstigen Einheiten der Staatssicherheit außer Acht lassen, die an der Seite der sowjetischen Truppen an der Niederschlagung des Freiheitskampfes mitwirkten. Leider ging es nicht bloß um einen Krieg, sondern auch um den Kampf gegen die ungarischen Handlanger des Kommunismus sowjetischen Typs. Die Ereignisse in Csepel würde ich nicht als einwöchigen Krieg bezeichnen, jedoch auf jeden Fall als einen wesentlichen Zusammenstoß in der Revolution und dem Freiheitskampf von ’56. Wir dürfen nicht vergessen, dass anderswo – wie zum Beispiel in der südwestungarischen Stadt Pécs die Unsichtbaren des Mecsek-Gebirges – noch länger kämpften als die Csepeler. Dies mindert nicht die Taten der Csepeler Aufständischen, wir müssen aber sehen, dass  sich hier an mehreren Punkten massiver Widerstand und Nachhutkämpfe entwickelten. Auch die Aufständischen von Csepel vertrauten auf die Hilfe der UNO und westlicher Truppen. Dieser trügerische Glaube und die Hoffnung führten zu ihrer übermenschlichen Ausdauer.

– Eine Woche lang hielten die Verteidiger die Insel Csepel. Was kann der Grund dafür sein, dass die Erinnerungskultur bei dieser Heldentat so gering ist?

Abgeschossener sowjetischer Panzer vom Typ T-54 auf einer Pester Straße während der Revolution und des Freiheitskampfes 1956 (Foto: MTI/Ferenc Kovács)

– Ich denke, das ist kein spezifischer Wesenszug der Kämpfe in Csepel. Das ist nicht die Frage von Csepel oder kein Csepel. Leider bin ich auch davon nicht überzeugt, dass das Unterrichtswesen das Andenken der Mädchen und Jungen von Pest und der Provinz nachdrücklich behandelt. Es ist jedoch nicht zu leugnen, dass in der zurückliegenden Zeit in Bezug auf den 60. Jahrestag der Revolution und des Freiheitskampfes 1956 ernsthafte Fortschritte in dieser Angelegenheit erzielt wurden. Über die Geschichte der Aufständischen oder der namhafteren Gruppen des Aufstands muss man immer noch viel erzählen, damit sie allgemein bekannt wird. Eine enorme Verantwortung tragen dabei all jene, die sich mit der Historie befassen, auch die Verbreitung von Kenntnissen ist ein wesentlicher Aspekt. Die Auswirkungen der Erinnerungspolitik der Kádár-Ära begleiten uns immer noch, deshalb wird über 1956 immer weniger gesprochen. Es gibt also noch viel zu tun.

 

Von Zoltán Udvardy

 

Bildquelle: MTI/Ferenc Bartal