VERITAS Institut für Geschichtsforschung und Archiv

Bei der Ermordung von István Tisza dürfte der Budapester Militärrat eine Rolle gespielt haben; die Volksrepublik als Staatsform wurde auf dem heutigen Kossuth-Platz von zweitausend Menschen „entschieden”; Mihály Károlyi pflegte nach der Katastrophe von Trianon gute Beziehungen zum tschechoslowakischen Präsidenten Edvard Beneš – ging unter anderem aus dem Gespräch mit Dávid Ligeti für das Portal hírado.hu hervor. Mit dem Historiker des VERITAS Instituts für Geschichtsforschung und Archiv sprach Zoltán Udvardy über  Fragen der vor 102 Jahren, am 31. Oktober 1918 triumphierenden Asternrevolution sowie die Rolle und Verantwortung Károlyis.

– Wenn es um das Jubiläum der Asternrevolution geht, hört man regelmäßig Allgemeinplätze: Die erste Republik wird gegründet, die Soldaten stecken Astern an ihre Mützen, Mihály Károlyi von der Unabhängigkeitspartei wird Staatsoberhaupt. Für die Geschehnisse gibt es aber auch eine andere Lesart: Innerhalb von Stunden verschwindet das seit 1000 Jahren existierende Königreich Ungarn, István Tisza wird ermordet, und unter Mithilfe eines untalentierten Narren, eines heruntergekommenen Aristokraten werden 100.000 Quadratkilometer unseres Landes ohne Widerstand aufgegeben. Das alles begann am 31. Oktober 1918. Was ist an diesem Tag passiert?

–  Um die Asternrevolution  und die damals eingetretenen Veränderungen zu verstehen, müssen wir auf den Prozess des Ersten Weltkriegs zurückgreifen. Damals ging ein 51 Monate langer Krieg zu Ende. Am 17. Oktober war im Abgeordnetenhaus die berühmte Erklärung von István Tisza zu hören, wonach „wir diesen Krieg verloren haben”. Die politischen Ereignisse nahmen Fahrt auf. Anfang des Monats sandten wir ein Telegramm nach Washington; demnach akzeptierte Karl IV. Wilsons 14 Punkte, die noch im Januar  als Grundlage der Waffenstillstandsverhandlungen formuliert worden waren.

Zwei Wochen lang kam keine Antwort auf dieses Telegramm. Als sie eintraf, gestaltete Karl die westliche Hälfte des Reiches anhand eines Manifests um, indem Österreich ein föderativer Staat wurde. Es wurde zwar betont, dass dies für die ungarischen Gebiete nicht galt, die verfassungsrechtliche Einheit des Ausgleichs, Ferenc Deáks Konstruktion, zerfiel. Diese Veränderungen wirkten sich auch auf die ungarische Innenpolitik aus. Die damals in der Opposition befindlichen Unabhängigkeitsparteien von '48 – aus ihnen war die Károlyi-Partei im Sommer 1916 ausgeschieden – sprachen von der Notwendigkeit einer neuen Konstellation. Das berühmte Manifest, die Nachricht von der Mitteilung Tiszas über den verlorenen Krieg, erreichte innerhalb einiger Tage auch die Soldaten in den Schützengräben. Am 24. Oktober begann die große Offensive der Entente auf dem südwestlichen Kriegsschauplatz, und am 28. Oktober kam es zum großen Zusammenbruch. Die an den Fronten kämpfenden Truppen konnten nicht mehr durch neue Einheiten abgelöst werden: die Soldaten meuterten oder desertierten einfach und erschienen nicht in den Ergänzungsbezirken. Nach dem Muster der in Österreich entstehenden Nationalräte, der „kleinen Regierungen”, wurde der Ungarische Nationalrat gebildet. Im Wesentlichen konstituierten sich neue Staaten, obwohl vorläufig noch niemand die Abschaffung des Königreichs verkündet hatte. Eine Entwicklung des Zerfallsprozesses war auch die Bildung der Militärräte, wie des Budapester Militärrates am 25. Oktober.

–  Was waren diese Militärräte?

–  Das waren eigentlich nach sowjetischem Muster gebildete militärische Selbstverwaltungsorgane, ihr Entstehen beschleunigte die Auflösung der noch vorhandenen Streitkräfte, die zu 80 Prozent zum gemeinsamen Heer gehörten. Bis zum 28. Oktober entwickelte sich eine tiefe innenpolitische Krise, die Karl so zu kurieren suchte, dass er Erzherzog und Feldmarschall Joseph August zum homo regius (königlichen Beauftragten) ernannte und ihn nach Ungarn entsandte, um zu versuchen, der Situation Herr zu werden. Zu dieser Zeit stürzte Sándor Wekerle an der Spitze seiner dritten Regierung.  Er verfügte über ausgezeichnete Fähigkeiten, um Situationen zu meistern, aber auch er scheiterte. In diesem innenpolitischen Vakuum, in dem auch Erzherzog Joseph feindlich empfangen wurde, ernannte Karl einen zuverlässigen Aristokraten in der Person des Grafen János Hadik  zum designierten Ministerpräsidenten. Er wurde allerdings nicht in sein Amt eingeführt, weil sich die Ereignisse in Budapest beschleunigten. Der Ungarische Nationalrat drängte, mehr noch: im Laufe gewaltsamer Aktionen forderte er die Ernennung Mihály Károlyis. Karl holte die Meinung von Gyula Andrássy jun. ein, der  durch seine familiären Beziehungen Károlyi nahestand (Károlyis Gattin, Gräfin Katinka Andrássy, war Gyula Andrássys Nichte). Andrássy riet ihm davon ab, denn seines Erachtens war Károlyi unzuverlässig, seine Ernennung daher viel zu riskant. Karl hatte auch mit Károlyi selbst eine Unterredung, in deren Verlauf er ihn  expressis verbis fragte, ob er eine Republik ausrufen wollte. Der Graf antwortete mit einem entschiedenen Nein. Am 30. und 31. Oktober wollte der Nationalrat bereits die Exekutive übernehmen. Die Mitglieder des Organs mit Sitz im Hotel Astoria rechneten auch damit, dass die in Budapest stationierten kaiserlichen und königlichen Kräfte den Aufruhr  niederschlagen und sie internieren würden. Das war dadurch begründet, dass der Oberkommandierende der Budapester Militärkräfte, General Géza Lukachich,   gegenüber den Deserteuren mit harter Hand auftrat. Im Weltkrieg war Lukachich übrigens ein ausgezeichneter General, der auf drei Kriegsschauplätzen kämpfte und mit der höchsten Militärauszeichnung, dem militärischen Maria-Theresia-Orden, geehrt wurde. Während der Asternrevolution mischte sich Lukachich mit den Soldaten schließlich nicht ein. Man kann dies auch damit erklären, dass damals in Budapest bosnische Truppen des gemeinsamen  Heers zugegen waren, die Lukachich nicht für genügend zuverlässig hielt. Ferner bekam er vom König ein Signal, dass es nicht zur Gewalt kommen sollte. Diese Haltung Karls ist aus moralischer Sicht verständlich.

Wodurch wurde die Armee zu einer losgerissenen Schiffskanone?

– Die Asternrevolution bekam ihren Namen dadurch, dass die Soldaten ihre Kokarde mit den  Anfangsbuchstaben des Namens des Königs abrissen. Es lief also ein offener Bruch mit der Monarchie. Darauf verweist auch das berühmte Plakat Mihály Bírós, auf dem ein Soldat den Thron unter Karl umstürzt, was die Forderung nach der Republik beinhaltete. Während der Asternrevolution kam es kaum zu gewaltsamen Handlungen; beziehungsweise gab es einige Opfer, denn mehrere Soldaten weigerten sich, ihr Mützenabzeichen abzureißen. Andererseits rissen Soldaten auch von den Offizieren die Rangabzeichen ab. Sie meinten, dass sie im neuen Staat nicht mehr notwendig sein würden. Schon am 28. Oktober kam es zu einem blutigen Zusammenstoß an der Kettenbrücke, als die Menschenmasse von Pest hinüber zu Joseph August in die Burg gehen wollte, um zum Ausdruck zu bringen, welche Veränderungen sie erreichen wollten. Hier schritten die Ordnungskräfte ein, und während der Zusammenstöße gab es drei Tote und mehrere Verletzte. Zu den politischen Entwicklungen gehört, dass Graf István Tisza unter bis heute ungeklärten Umständen am 31. Oktober um fünf Uhr nachmittags ermordet wurde. Für Menschen der damaligen Zeit war Tisza prinzipiell kein wichtiger Faktor mehr, denn er war seit Mai 1917 nicht mehr Ministerpräsident, dennoch sagten viele, dass Tiszas Tod den Untergang der alten Welt bedeutete.

–   Wer oder welche Personen dürften hinter dem Anschlag gestanden haben?

– Zwei Versionen der Geschehnisse sind bekannt – nach der einen sind Soldaten spontan zur Villa gegangen, nach der anderen ging es um eine organisierte Aktion, man wollte ihn liquidieren. Wenn man die Mosaiksteine zusammensetzt, kann man annehmen, dass der Budapester Militärrat wahrscheinlich verwickelt war. Seitens des Militärrates taucht die Rolle von Imre Csernyák  und József Pogány beim Anschlag auf. Sie beide organisierten die Kundgebungen am 30. und 31. Oktober. An diesen beiden Tagen übernahmen sie die Führung der Ordnungskräfte... Später,  zur Zeit des Prozesses im Mordfall Tisza gestanden mehrere Personen, dass sie den Anschlag organisierten. Diese beiden Männer dissidierten nach dem Scheitern der  Räterepublik. Die ungarische königliche Staatsanwaltschaft verlangte von Österreich ihre Auslieferung, die unser westlicher Nachbar verneinte, wobei er sich darauf berief, dass ihr Leben in Gefahr wäre. Ihre genaue Rolle kennen wir also nicht. Die Erinnerung jedoch, dass die Soldaten zur angemieteten Villa von Tisza auf der Hermina-Straße mit einem Lkw angekommen seien, verweist auf Organisiertheit und nicht auf Spontaneität. Dabei tauchte auch Mihály Károlyis Verantwortung auf, die er von sich wies. Károlyis Beteiligung kann nicht durch Beweise untermauert werden. Dass der Budapester Militärrat hingegen – auch durch Dokumente belegt – verwickelt war, steht fest. Wer auch immer den Mord verübte: Man kann sagen, dass es dem neuen Regime „gelegen kam”, dass Tisza nicht mehr unter den Lebenden war.

 

Bildquelle: www.kozpontiantikvarium.hu