VERITAS Institut für Geschichtsforschung und Archiv

–   Károlyi wird vom 31. Oktober an Regierungschef. An die  Spitze welcher Regierung kommt er, was sind seine ersten Schritte?

– Die neue Regierung, die sich größtenteils aus Mitgliedern des Nationalrates rekrutierte, trat von vornherein so auf, wie die Vertretung eines selbständigen Ungarns. Was am 1. und 2. November 1918 geschah, war sehr wichtig: Béla Linder (Kriegsminister der Károlyi-Regierung, Militärbeauftragter der Räterepublik in Wien) schickte bei Einbeziehung der österreichisch‒ungarischen Oberkommandantur eine Botschaft an die Front, dass die ungarischen Truppen sofort den Kampf einzustellen und nach Ungarn zurückzukehren haben. Das klang zwar sehr gut, man konnte das jedoch mitten im Krieg nicht gut durchführen, da gerade die  italienische Offensive lief. Der Abzug der ungarischen Einheiten beschleunigte den Prozess des Zusammenbruchs, der damals die Streitkräfte der Monarchie kennzeichnete. Deswegen musste der Waffenstillstand von Padua mit der Entente schon am 3. November abgeschlossen werden. Dabei war wichtig, dass dieser Waffenstillstand den Rückzug der Armee der Monarchie hinter die Grenzen von 1914 vorschrieb. Aus unserer Sicht bedeutete dies die Grenzen des Königreichs Ungarn. Ferner war darin auch genehmigt, dass  zwanzig Divisionen bewaffnet bleiben durften. Die Károlyi-Regierung erklärte jedoch, dass sie den Waffenstillstand von Padua für sich nicht als verbindlich betrachtete, ihn hatte nämlich nicht Ungarn mit der Entente abgeschlossen, sondern der damals nur noch virtuell existierende österreichisch-ungarische Staat. In der Zwischenzeit tauchten auch de facto neue Staaten auf dem Gebiet der einstigen Monarchie auf. Deshalb suchten Károlyi und seine Leute den Kontakt zu den Entente-Truppen, die vom Balkan her kamen. Am 7. November fand ein Treffen mit der Entente-Mission in Belgrad statt, und es begannen Verhandlungen über den Waffenstillstand. Das Abkommen von Belgrad am 13. November war schon viel weniger vorteilhaft als das von Padua. Ungarn durfte nur noch eine Armee von acht Divisionen aufrechterhalten, und als Demarkationslinie wurden nicht mehr die Landesgrenzen betrachtet. Den Tschechen wurde der Aufmarsch im Norden, den Rumänen entlang der Mieresch und den Serben schon sehr nahe an der heutigen Grenze von Trianon  erlaubt.

–   Aus welchem Grund wurden dermaßen unvorteilhafte Bedingungen akzeptiert?

– Die Asternrevolution versprach Frieden, und man dachte, es werde sich eine neue, demokratische Weltordnung entfalten. Man vertraute darauf, dass Ungarn günstige Friedensbedingungen gewährt würden, wenn es durch demokratische Umgestaltung seinen Fortschritt belegt und auf diese Weise bei den Entente-Mächten Anklang findet. Die Károlyi-Regierung rüstete im Vergleich zur Belgrader Konvention noch tiefer und umfangreicher ab. Nicht einmal die von der Entente genehmigten acht Divisionen erreichten ihren vollen Personalbestand. Am 1. November war der inkriminierte Spruch von Béla Linder zu hören: „Ich will keinen Soldaten mehr sehen.” Denn in einer neuen, pazifistischen Welt sei keine Armee mehr erforderlich, Konflikte müssten auf andere Art geregelt werden. Noch dazu wollte der Militärrat einen Demokratisierungsprozess innerhalb der Armee einleiten; die Macht der Offiziere wurde eingeschränkt, man wollte der Mannschaft Mitspracherecht an den Entscheidungen gewähren. Das ist von vornherein Nonsens, man kann eine Armee nicht auf demokratischer Grundlage führen. Schon in der ersten Novemberhälfte war abzusehen, dass dieses System nicht erfüllen konnte, wozu es sich verpflichtet hatte. Die Franzosen behandelten Ungarn nach dem Waffenstillstand von Belgrad als einen besiegten Staat. Sie ignorierten das „unabhängige Land” Károlyis und seine Regierung. Das war auch deshalb schmerzhaft, weil der zu Károlyis Kreisen gehörende Márton Lovász noch während der berühmten Tisza-Rede erklärte, „wir sind Freunde der Entente”.

– Wie kam es zur Ausrufung der Volksrepublik?

– Die Ereignisse in Österreich und Ungarn gingen Hand in Hand: Als der Erste Weltkrieg am 11. November mit dem deutschen Waffenstillstand zu Ende ging, und Österreich den Kaiser zum  Rücktritt zwang, entsandte Károlyi eine Delegation nach Eckartsau bei Wien, damit Karl auch auf seinen Titel als ungarischer König verzichtete. Karl hob die Ausübung seiner Rechte als Herrscher in einer Erklärung auf. Er wollte es, wie er sagte, dem Volk überlassen, in welcher Staatsform es leben wollte und diese Entscheidung auch akzeptieren. Dadurch ermutigt, fassten Károlyi und seine Leute den Entschluss, die neue Staatsform auszurufen, die sie in einer „Volksrepublik” zu finden bemüht waren. In den offiziellen Dokumenten erschien überall diese Bezeichnung; mehr noch: Wenn ein Amt das Wort „Republik” verwendete, bekam es von oben die Anweisung, wonach Volksrepublik die richtige Bezeichnung war. Im Übrigen: Als György Szabad (Historiker und Parlamentspräsident nach der Wende) das System der  ungarischen republikanischen Traditionen aufstellte, rechnete er so, dass diese die erste ungarische Republik gewesen war, 1946 die zweite ausgerufen wurde und nach 1989 die dritte kam. Hierbei zeigten sich die Größe und das Wissen György Szabads – diese Nummerierung kann  allerdings bestritten werden, wenn wir beachten, dass nach dem Fall der Räterepublik 1919 formell die Volksrepublik als Staatsform wiederhergestellt wurde. Sie wurde allerdings erst am 1. März 1920 abgeschafft und an ihre Stelle trat ein Gesetz als Grundlage der Horthy-Ära in Kraft, das die Staatsform Königreich wiederherstellte. Man kann natürlich dafür argumentieren, dass der ersten Volksrepublik innerhalb von Monaten eine zweite folgte, und dann stimmt die gesamte Nummerierung nicht mehr. Auf alle Fälle nannten die Károlyis neben der Volksrepublik auch die Gesetze Volksgesetze, deren Nummerierung sie von vorn begannen. Das von ihnen erlassene erste  Gesetz war das erste Volksgesetz und so weiter. Dieses System stattete also auch sich selbst mit einer völlig neuen Zeitrechnung aus. 1919 fällten sie sogar die Entscheidung, dass der 31. Oktober, der Geburtstag des Systems, zu einem arbeitsfreien Gedenktag gemacht werden sollte.

– Die Ausrufung der Volksrepublik scheint der Beginn eines starken Linksrucks gewesen zu sein.

– Es waren schon Stimmen zu hören, wonach nicht die Volksrepublik, sondern die sozialistische Republik oder direkt die Diktatur des Proletariats hätte ausgerufen werden müssen; die extrem Linke ließ also auch schon damals ihre Stimme hören. Mit der Bezeichnung Volksrepublik wollte man auch ihnen den Wind aus den Segeln nehmen, und sie signalisierte auch, dass in Ungarn tatsächlich eine neue Zeitrechnung begann und aus dem Text der Eidesleistungen "So wahr mir Gott helfe" gestrichen wurde. Beamte und Soldaten  wurden auf die neue Staatsform vereidigt. Viele legten den Eid ab, die dies später gern vergessen lassen wollten. Wie zum Beispiel Erzherzog Joseph August, der noch dazu auch eine Veränderung seines Namens initiierte und ihn nach seinem Grundbesitz in Alcsútdoboz auf Alcsúti änderte. Es trifft zu, dass viele als letzte Zuflucht die Eidesleistung betrachteten, wodurch sich das Land vielleicht einheitlich hätte retten können.

– Wo war das Volk bei der Ausrufung der Volksrepublik?

– Praktisch wurde diese Entscheidung  unter Beteiligung von zweitausend Menschen gefällt, die vor dem Parlament, auf dem heutigen Kossuth-Platz, zur Ausrufung der Volksrepublik veranlasst wurden. Es war also nicht das Volk, das entschied, in welcher Staatsform es leben wollte, sondern es wurde über seinen Kopf hinweg entschieden und vor vollendete Tatsachen gestellt.