VERITAS Institut für Geschichtsforschung und Archiv

– Konnten die Bürger der Volksrepublik von ihrem Wahlrecht Gebrauch machen?

– Das neue System wagte es nicht, sich einer Herausforderung zu stellen, so fanden keine landesweiten Wahlen aufgrund des beachtlich erweiterten Wahlrechts statt. Ottokár Prohászka (Univ. Prof. Bischof und Politiker - Anm. Übers.)  meinte dazu, dass die Christlich-Sozialen und die Kleinen Landwirte bei Wahlen einen Vorsprung gewinnen und  Károlyis Leute die Macht verlieren würden, weil die Unabhängigen keine Basis hätten. Nach ständigen Verzögerungen wurden die Wahlen im Januar 1919 für April angesetzt. Zu dieser Zeit war es schon offensichtlich, dass sie über keine ausreichende gesellschaftliche Unterstützung verfügten und nicht einmal grundlegende Fragen lösen konnten. Es gab weder genügend Kohle noch Lebensmittel. Auch die spanische Grippe forderte im Winter ihre Opfer. Das System kam mit dem Versprechen zustande, für die während des Ersten Weltkriegs angehäuften sozialen und wirtschaftlichen Probleme Abhilfe zu schaffen. Dass dies nicht gelang, war nicht unbedingt ein Fehler der Károlyis. Daneben wurden 60% des Landes vom Feind okkupiert, das zu dieser Zeit außer der Karpato-Ukraine, dem Burgenland und dem Partium im Großen und Ganzen hinter die Grenzen von Trianon zurückgedrängt worden war. Zu Weihnachten 1918 fiel Klausenburg, bis zum 1. Januar folgten auch Kaschau und Preßburg. Innerhalb von acht Tagen gingen drei sehr wichtige Städte verloren. Das allein charakterisiert das Ausmaß der sich entfaltenden Katastrophe. Das Ziel, durch diese pazifistische Politik und die Abrüstung der Streitkräfte günstige Friedensbedingungen zu ertrotzen, schien in dieser Form nicht erfüllt werden zu können. Dazu war es schon zu spät, eine neue Armee aufzustellen. Darin zeigt sich die schwierigste Unzulänglichkeit des Systems.

– Wie reagierten Károlyi und seine Leute auf die Offensiven der immer mehr einzudringenden feindlichen Kräfte?

– Als die tschechischen Kräfte in Tyrnau/Nagyszombat/Trnava eintrafen, wies Budapest die lokale Gendarmarie an, keinen Wiederstand zu leisten, obwohl kaum tschechische Okkupanten kamen. Inzwischen änderten die ungarischen Streitkräfte ihre Bezeichnung und nahmen den Namen Ungarische Volksarmee an. Die stärkste Einheit im Lande war zu dieser Zeit die Szekler-Division, die versuchte, die siebenbürgischen Gebiete zu schützen. Nicht selten handelten sie genau im Gegensatz zu den zentralen Anweisungen aus Budapest. Die Division genoss nicht die Unterstützung des Hinterlandes: Hier kann man die Rolle des Budapester Militärrates, insbesondere die von József Pogány (einer der Volkskommissare der Ungarischen Räterepublik - Anm. Übers.) hervorheben. Als die ungarische Diktatur des Proletariats an die Macht kam und im April 1919 der rumänische Angriff begann, verlor die Szekler-Division die Kampfmoral und legte am 26. April die Waffen nieder. Dafür, dass dies eintrat, trug auch die Militärpolitik der Károlyi-Ära entscheidende Verantwortung. Selbst   Béla Kun (Volksbeauftragter für Außenbeziehungen der Räterepublik - Anm. Übers.) kritisierte nach dem 21. März die insgesamt aus 48.000 Soldaten bestehenden Streitkräfte. Doch bei dieser Demilitarisierung spielte auch Béla Kun eine Rolle.

– Anscheinend fand die Regierung auch in innenpolitischen Fragen nicht ihre Stimme.

–  Károlyi wurde von den Ereignissen mitgerissen. Es ist fraglich, inwieweit Budapest noch das Land regierte. In Stuhlweißenburg/Székesfehérvár erklärte die Komitatsversammlung am 5. Februar 1919 die Staatsmacht als illegitim. Daraufhin setzte die Staatsmacht den Obergespan ab, internierte den Bischof von Steinamanger/Szombathely, Graf János Mikes, wegen angeblicher „staatsfeindlicher Handlungen”.  Es war ersichtlich, dass der Staat seinen Willen oder sein Gewaltmonopol zum Schutze der Revolution durchsetzte, obwohl er pazifistische Losungen verwendete. Die Demonstration der Kommunisten am 22. Februar 1919 wurde ebenfalls blutig niedergeschlagen. Das System versuchte also, sich auch der extrem Linken gegenüber zu positionieren. Zur gleichen Zeit landete auch Béla Kun im Sammelgefängnis. Doch da wurden die Sozialdemokraten unzufrieden. Damals gab es schon zweierlei Führungen: einerseits die staatliche Führung seitens der Volksrepublik, lokal hingegen führten die verschiedenen Räte: Militärräte, Arbeiterräte (es gab sogar auch Priesterräte, man versuchte auch sie in „Sowjets” zu organisieren), dadurch kam es zu einer Doppelherrschaft. Mihály Károlyi begann auf seinem Grundbesitz  bei Kál-Kápolna (Nordostungarn) mit der Bodenverteilung, die sich nur als symbolische Geste entpuppte. Es gelang nicht, die Probleme zu lösen, die das gesamte System belasteten. Auch Kritiken trafen das Regime. Sogar die konservativ-liberalen Politiker ließen immer wieder ihre Stimmen hören. Andere versuchten, die bewaffnete Landesverteidigung zu fordern. Anfang März 1919 hielt Károlyi in Sathmar/Szatmárnémeti/Satu Mare eine Rede, wonach er nicht mehr gewillt war, weitere Forderungen der Entente zu erfüllen. Er formulierte als Erster die Losung „Nie, nie, niemals!”. Zwar rief er zu einer bewaffneten Landesverteidigung auf, aber zu spät. Den Tod seines Systems bedeutete  am 20. März die Vix-Note. Dieser französische Oberstleutnant übergab den Károlyis die Entente-Forderung, wonach weitere Gebiete auch jenseits der Theiß geräumt werden sollten. Das war der Moment, als Károlyi einsah, dass das politische System, das Ende Oktober entstanden war, nicht mehr zu retten war. Die konservativ-liberalen Kräfte trauten sich nicht, die Macht zu übernehmen, was ihrerseits ein großer Fehler war. Daraufhin kreierten die Bolschewiki in Károlyis Namen eine Rücktrittserklärung. Wenn auch nicht unblutig, übernahmen Béla Kun und seine Anhänger am 21. März die Macht. Und die Sozialisten sahen in der Zusammenarbeit mit den Bolschewiki eine Perspektive.

– Károlyi blieb bis Juli in Ungarn. Was machte er hier während der Kun-Ära?

– Károlyi war dann politisch nicht mehr aktiv. Zu dieser Zeit rückte er allmählich nach Links, was übrigens für einen beachtlichen Teil der Intellektuellen des Zeitalters charakteristisch war. Neben dem Wilsonismus bot nämlich der Bolschewismus eine universelle Lösung und die Hoffnung an, dass in einer neuen Weltordnung alles friedlicher und besser sein würde. Auch Károlyi schwebte dies vor Augen.

– Inwieweit dürfte er sein eigenes politisches Werk als realisiert und erfolgreich betrachtet haben?

– Hier ist die Bedeutung der sozialen Frage hervorzuheben. Károlyi war bis zum Schluss daran interessiert, die gesellschaftliche Ungleichheit irgendwie ausgleichen zu können. Aber auch in Kenntnis der Katastrophe von Trianon distanzierte er sich nicht von seiner eigenen Politik in den Jahren 1918/1919, mehr noch: Er suchte den Kontakt mit den Politikern – wie mit Edvard Beneš –, die eine entscheidende Rolle beim Zustandekommen des Friedensdiktats von Trianon gespielt hatten. Dabei kann ihm schon der Begriff des Verrats zugeschrieben werden. Die Beurteilung oder communis opinio (Volksmeinung – Red.), wonach er Ende 1918 bereits in diesem Sinne handelte, ist nicht haltbar oder kann nicht gut genug durch Angaben belegt werden.

– Wie ging er so weit, dass er sogar  Rákosi Handlangerdienste leistete?

– Er wollte seine Politik rechtfertigen, dass er mit seinen früheren Prinzipien nicht gebrochen hatte. In der Emigration hat er sich noch weiter "bolschewisiert". Es ging so weit, dass  er etwa 1936/1937 zu Papier brachte, dass er die bolschewistische Ideologie als seine eigene empfand. Als er Nachrichten über die stalinistischen Säuberungen hörte, zweifelte er die Richtigkeit der Informationen an. Nach der Niederlage im Zweiten Weltkrieg war die neue Macht bemüht, über die Person Károlyis eine Art Kontinuität zu belegen. Als er 1946 nach 27 Jahren Emigration nach Ungarn zurückkehrte, gab es für ihn einen feierlichen Empfang. In der Rákosi-Ära ernannte man ihn zum Botschafter in Paris. Seine Person wurde insignifikant, weniger wichtig. Er geriet in Konflikt mit dem Rákosi-Regime, fiel in Ungnade und wurde abgelöst, so dass er in der Emigration in Frankreich starb. Dass sein Leben mit einer lang anhaltenden Emigration zu Ende ging, könnte ihn an die Seite von Rákóczi und Kossuth stellen, dagegen spricht jedoch die Tatsache, dass er mehrfach gegen Ungarn tätig wurde, was man im Fall Rákóczi oder Kossuth nicht sagen kann.

– Die Beurteilung der Rolle des Mihaly Károlyi steht auch heute im Kreuzfeuer  großer Diskussionen, sie determiniert zum Beispiel die Geschichtsanschauung eines gegebenen Systems, wo sein Denkmal aufgestellt wird.

–  Er verkörperte in seiner Person in der Tat die in der ungarischen Geschichte verborgenen  Widersprüche. Es ist zweifellos eine Tatsache, dass dieser Linksruck in den Traditionen  von 1848 enthalten war. Der entscheidende Unterschied besteht darin, dass es – als 1848 Momente des Desasters eingetreten waren – keine Frage war, ob die bewaffnete Verteidigung des Landes als Verpflichtung anzusehen war. Mihály Károlyi und seine Leute taten das nicht. Das ist ihre historische Verantwortung; trotz der Tatsache, dass die Szenarien, die zum Zusammenbruch des historischen Ungarns geführt hatten – hier muss man in erster Linie auf die Niederlage im Weltkrieg verweisen – nicht von ihnen verursacht wurden.  Dass sie aber die Armee abrüsteten und einen bewaffneten Widerstand verhinderten, ist eine historische Tatsache. Zum anderen muss in Bezug auf Károlyi hervorgehoben werden, dass später die sogenannten demokratischen Kräfte in seiner Person ihren eigenen Vorläufer sahen. Kádár und seine Mitstreiter fanden in Károlyi eine Person der ungarischen Aristokratie, die die spätere sozialistische Wende vorbereitete. Deshalb verstärkte sich in den 1970er-Jahren eine Art Károlyi-Kult, der auch zentrale Unterstützung genoss. Dies brachte die Statue von Imre Varga auf dem (Budapester) Kossuth-Platz zum Ausdruck, die in der Nähe des einstigen Tisza-Denkmals aufgestellt wurde. Das wurde der Öffentlichkeit als Meilenstein des ungarischen Demokratismus oder der ungarischen demokratischen Umgestaltung aufgetischt. Demgegenüber wurden jedoch all die negativen Dinge verschwiegen, die wir jetzt hier behandelt haben. Diese Dichotomie setzte sich auch nach 2010 fort, als sich die Orbán-Regierung für die Restaurierung des Tisza-Denkmals entschied. Daraus folgte direkt, dass der große politische Gegner Mihály Károlyi in diesem Inertialsystem verständlicherweise einfach keinen Platz auf dem Hauptplatz der Nation hat. Denn trotz der Tatsache, welche Maßnahmen er bezüglich sozialer Fragen  verwirklicht hatte, wird dies durch seine Verantwortung für den Landesverlust  übertroffen. Er distanzierte sich nämlich nicht einmal in Kenntnis der Katastrophe von Trianon von dieser Politik und brach seine Kontakte zu Beneš, den Jugoslawen – und die Liste lässt sich noch lange fortsetzen ‒ nicht ab.