VERITAS Institut für Geschichtsforschung und Archiv

(leicht gekürzt)

Eine von uns im Landesarchiv des Ungarischen Nationalarchivs kürzlich entdeckte  ungarische diplomatische Meldung berichtet über die Störung des feierlichen Empfangs am 7. November 1956 in der sowjetischen Botschaft in Kopenhagen. Wenn wir die Details des Empfangs zu Ehren des von der sowjetischen Auslandsvertretung organisierten protokollarischen Anlasses, des größten staatlichen Feiertages der Sowjetunion, nach der zeitgenössischen politischen Phraseologie "der großen sozialistischen Oktoberrevolution" und der damaligen Protestaktion durchlesen und uns die im unten angeführten Dokument dargestellte Situation vorstellen, bringt es uns aller Gewissheit nach zum Lächeln, vielleicht können wir auch eine gewisse Genugtuung verspüren. Wir haben das Handgemenge zwischen den dänischen Demonstranten und den Mitarbeitern der sowjetischen Mission vor unseren Augen, die vor Scham auf den Wangen der dänischen "fortschrittlichen" Schriftsteller und Künstler kullernden dicken Tränen, den mexikanischen Gesandten, der erzwungenermaßen zu Fuß zum Empfang kam: All das könnte auch eine Szene aus einem etwa nach 1991 gedrehten Spielfilm mit ironischem Unterton sein. Wenn wir uns aber hineindenken, dass sich all das erst drei Tage nach der blutigen Niederschlagung der ungarischen Revolution abspielte und im Vergleich zu den aufgrund der dänischen Volkszählung im Jahre 1955 rund 750.000 Einwohnern von Kopenhagen plötzlich keine geringe, sondern eine etwa 1000-1500 Menschen zählende Menge zusammenkam, die noch dazu nicht wegen eines Ereignisses mit innenpolitischen Konsequenzen, sondern wegen eines Konfliktes in der internationalen Arena ihren Protest zum Ausdruck bringen wollte, dann müssen wir den Inhalt des Dokumentes noch viel eher als lehrreich einschätzen. Die Tat der dänischen Jugendlichen, die das Gebäude der Botschaft beschädigten, ist die bestürzende Ausdruckskraft für die elementare und hilflose Wut, die einen bedeutenden Teil der westeuropäischen Gesellschaft nach der Niederschlagung der ungarischen Revolution  erfasste.

Wie im Dokument zu lesen ist, brachten die maßgeblichen Parteien der dänischen politischen Palette ihr Missfallen wegen des Empfangs der sowjetischen Botschaft auf unterschiedliche Art und Weise zum Ausdruck; Ministerpräsident Hans Christian Hansen (1906–1960) boykottierte demonstrativ das Ereignis. Der Habitus der dänischen politischen Öffentlichkeit ist nicht überraschend. In der Zeitspanne nach dem Zweiten Weltkrieg und  1982 war,  mit Ausnahme einiger kürzerer Perioden – zum Beispiel dem  Intervall zwischen 1950 und 1953 ‒, bis zum Schluss die Dänische Sozialdemokratische Partei an der Macht. Die außenpolitische Linie der Partei und der durch die Partei dominierten Regierungen wurde durch zwei Faktoren bestimmt, durch die Schaffung und engere Gestaltung des nordatlantischen militärischen und politischen Bündnisses sowie den Antikommunismus. Am 4. April 1949 war Dänemark einer der Gründerstaaten der NATO. Seine außenpolitische und militärische Orientierung hatte wegen seiner strategischen geografischen Lage auch aus sowjetischer Sicht  Relevanz: Die Ostsee-Insel Bornholm 170 km östlich von Kopenhagen galt als Kontrollpunkt des Meeresausgangs und gehörte unter die Oberhoheit Dänemarks. Sie wurde am  9. Mai 1945 durch sowjetische Fallschirmjäger-Truppen besetzt, die erst am 5. April 1946 abzogen. Die dänischen sozialdemokratischen Regierungen zeigten stets Antipathie gegenüber den politischen Prozessen in den "Volksdemokratien" Osteuropas, der Schaffung einer Alleinherrschaft der kommunistischen Parteien und damit der völligen Verdrängung der sozialdemokratischen Kräfte von der politischen Plattform sowie ihrer Einverleibung und Vernichtung. Obwohl Ungarn und Dänemark am 10. Mai 1948 ihre diplomatischen Beziehungen offiziell miteinander geregelt hatten, gelang es nicht, die in den bilateralen Beziehungen als am grundlegendsten geltenden Fragen – wie zum Beispiel die Entschädigung dänischer Firmen und Staatsbürger für ihr in Ungarn verstaatlichtes Eigentum – zu lösen, nachdem die Kommunisten in den Jahren 1948–1949 die völlige politische Macht an sich gerissen hatten.

Die  Aufnahme ungarischer Flüchtlinge 1956–1957 bedeutete eine ernsthafte Kraftprobe für die dänische Sozialpolitik. Nach Angaben vom 1. Oktober 1957 trafen insgesamt 1232 ungarische Flüchtlinge aus österreichischen und jugoslawischen Lagern in Dänemark ein (ihre Zahl schrumpfte stark zusammen, denn 365 von ihnen hatten  Dänemark wieder verlassen.). Die Entschlossenheit der dänischen Regierung und Gesellschaft, mit der ungarischen Revolution Solidarität zu üben, zeigte auch, dass sie bei der Aufnahme von Flüchtlingen weit über ihre Kräfte hinausgingen. Die dänische Wirtschaft machte zu dieser Zeit gerade eine Rezession durch: Die Arbeitslosigkeit  erreichte 1955–1956 bereits 4,5% im Vergleich zu 3% Anfang der 50er-Jahre. Der wirtschaftliche Aufschwung der in Dänemarks Geschichte "goldene Zeit von 15 Jahren" genannten Zeitspanne, die die Grundlagen des skandinavischen Wohlstandsmodells schuf, begann erst 1958.

Was die Frage der ungarischen Revolution anging, war die dänische politische Elite gleicher Meinung: Auch die dritte politische Kraft, die Konservative Volkspartei der Opposition,  verurteilte die Einmischung der Sowjets in Ungarn. Nach dem Krieg geschah es zum ersten Mal, dass die Sozialdemokraten als Ergebnis der Wahlen am 14. Mai 1957 keine Minderheitsregierung bildeten, sondern sich in Koalition mit zwei anderen Parteien auf eine Regierungstätigkeit in der Mehrheit einrichten konnten. Die Wellen der ungarischen Revolution wirkten sich – wenn auch nicht unmittelbar – so doch mittelbar auf die dänische Innenpolitik aus; ein Symptom dessen müssen wir auf jeden Fall erwähnen: die immer spektakulärere Schwächung der von der Sowjetunion dotierten Dänischen Kommunistischen Partei (DKP). Wie andere westeuropäische kommunistische Parteien, hatte auch die DKP wegen der Niederschlagung der ungarischen  Revolution einen beträchtlichen Teil ihrer Massenbasis verloren. Zwischen 1956 und 1958 erlebte die Partei ihre größte Krise: Sie schloss sogar ihren eigenen Vorsitzenden, einen der Begründer und die emblematische Gestalt der Partei, Aksel Larsen, aus ihren Reihen aus, der die Intervention der Sowjets in Ungarn verurteilt hatte. Und obwohl die Kommunisten unter Leitung Larsens 1957 noch ins Parlament kamen, gründete der in der Sowjetunion in Ungnade gefallene und als rechter Opportunist gebrandmarkte Larsen nach seinem Ausschluss eine neue Partei, die Dänische Sozialistische Volkspartei, die bei den Wahlen 1960 die früheren Ergebnisse der Kommunisten weit übertraf und es mit elf Mandaten als vierte politische Kraft ins Folketing schaffte, die DKP hingegen nicht. Die Kommunisten mussten darauf  bis 1973 warten.

Mit dieser Arbeit gedenken wir der Niederschlagung der ungarischen Revolution 1956.

Bericht des interimistischen Geschäftsträgers Ferenc Krusslák für den Außenminister Imre Horváth  über den Empfang am 7. November 1956 an der sowjetischen Botschaft in Kopenhagen

Kopenhagen, 12. November 1956

Gesandtschaft der Ungarischen Volksrepublik               Streng geheim!

231/1956. szig. titk. sz

Erstellt in 4 Exemplaren                                

Betr.: Empfang in der sowjetischen Botschaft aus  Anlass des Jahrestages der Großen Oktoberrevolution                                             

2 Expl. Zentrale                                  

1 Expl. an Stockholm

1 Expl. Gesandtschaft

An Außenminister Imre Horváth

Budapest

Genosse Slawin und Gattin haben einen Empfang aus Anlass des Jahrestages der Großen Oktoberrevolution gegeben. Anwesend waren der chinesische Botschafter Cheng-Wei Ching, der tschechoslowakische Gesandte Reimoser, der mexikanische Gesandte A[urelio] Manrique, der rumänische Geschäftsträger Badolescu und diplomatische Mitarbeiter mehrerer befreundeter Gesandtschaften sowie seitens der Gesandtschaft Genosse Krusslák. Einzelne Mitglieder des Politbüros der dänischen kommunistischen Partei und fortschrittliche Schriftsteller und Journalisten in geringer Anzahl. Seitens der dänischen Regierung und des Außenministeriums war niemand anwesend.  

Der hetzerische Lärm der dänischen Zeitungen  – einschließlich von  Sozial-Demokraten – erreichte ihren Höhepunkt, und die Stoßtrupps der reaktionären Jugendorganisationen, die vom Parlamentsmitglied der konservativen Partei Möller organisiert wurden, bereiteten sich auf eine große Demonstration vor, um den Empfang in der sowjetischen Botschaft zu stören. Die Äußerung des Ministerpräsidenten H.C. Hansen vor Journalisten, dass er nicht zum Empfang aus Anlass der Großen Oktoberrevolution geht, ermutigte die Jugendlichen, die sich auf die Demonstration vorbereiteten, noch mehr.

Viele Neugierige erschienen zur Demonstration am Abend des 7. November um 16.30 Uhr in der Kristianiagade und in den Nebenstraßen. Die Demonstranten  kamen mit Lautsprechern und  ungarischen Nationalflaggen auf  ihren Fahrzeugen, auf denen das in der österreichisch–ungarischen Monarchie verwendete Wappen mit der Krone zu sehen war. Die jungen Demonstranten trugen Tafeln mit unterschiedlichen Losungen wie „Helft den ungarischen Freiheitskämpfern”,  Nieder mit dem roten Imperialismus!” usw. Ihre Zahl war etwa auf 1000-1500 zu schätzen, sie machten großen Lärm und schrien verschiedene Losungen. Dann schossen sie mit Schreckschusspistolen um sich und warfen schnell brennbare Materialien in den Garten der Gesandtschaft, bei Assistenz einer geringen Anzahl von Ordnungskräften.  Um 17.30 Uhr richteten sie einen wahren Angriff auf das Gebäude der Gesandtschaft, schlugen mit Steinen die Fenster ein, sprangen über den Zaun und drangen durch das Gartentor ein, starteten einen Angriff gegen den Haupteingang, um die Teilnehmer des Empfangs hinauszudrängen und die Einrichtung zu zerschlagen. Unterdessen erhielt die Polizei Verstärkung  und begann mit der Entfernung der Demonstranten aus dem Garten der Gesandtschaft. Jüngere sowjetische Diplomaten und sonstige Mitarbeiter warfen die ins Vorzimmer der Gesandtschaft eingedrungenen Demonstranten durch die zerbrochene Glastür hinaus. Die Polizei verletzte im Kampfgetümmel vier Demonstranten schwer.  Die Säuberung der Kristianiagade von den Demonstranten ging etwa um 20.00 Uhr zu Ende, dann zogen sie vor die (Redaktion) von Land og Folk, warfen die Fenster ein und zerstörten das Kraftfahrzeug, das die Zeitungen austeilte.

Um auf die Demonstration vor der sowjetischen Botschaft zurückzukommen: Mehrere Diplomaten konnten wegen der Menschenmenge nicht vor das Botschaftsgebäude fahren und  daher dem Empfang gar nicht beiwohnen, wie zum Beispiel der jugoslawische Gesandte Carevic und der polnische Gesandte Driglas.

Als der  Wagen des mexikanischen Gesandten Aurelio Manrique von der Menge aufgehalten wurde, stieg er aus dem Wagen und lief zu Fuß durch die Kristianiagade bis zur Gesandtschaft, wobei er von den Demonstranten beworfen wurde. Auf dem Empfang herrschte eine ruhige, vertraute Atmosphäre, auch dann noch, als Steinhagel die Anwesenden durch die eingebrochenen Fenster traf und die Demonstranten in das Gesandtschaftsgebäude eindrangen; lediglich einem oder zwei dänischen fortschrittlichen Schriftstellern und Künstlern kullerten vor Scham dicke Tränen über die Wangen. Viele Diplomaten und Dänen auf dem Empfang wünschten der ungarischen Arbeiterklasse, der Bauernschaft und den progressiven Menschen Sieg, die jetzt um die Wiederherstellung von Ordnung und Ruhe, für das sozialistische Ungarn kämpfen.  

Am 8. November besuchte ich Genossen Slawin auf dessen Wunsch. Er fragte mich, ob die Gesandtschaft finanzielle Schwierigkeiten habe, denn er hilft gern. Außerdem bot er an, wenn wir über unsere Angehörigen nichts wissen, dass er versuchen wolle, aus Moskau Nachrichten über sie zu bekommen. Die Adressen habe ich ihm gegeben, einige Tage später aber erhielten wir Nachricht vom Außenministerium, worüber ich Genossen Slawin informierte.

Ferenc Krusslák

Geschäftsträger a.i.

Veröffentlicht von Attila Seres