VERITAS Institut für Geschichtsforschung und Archiv

Mit VERITAS-Generaldirektor Sándor Szakály hat der Journalist László Bertók T. von der Tageszeitung Magyar Nemzet ein Interwiev zu dessen 65. Geburtstag geführt, das am 22. November in der Wochenendausgabe erschienen ist.

– Sie begehen am 23. November Ihren 65. Geburtstag. Darf ich mich nach Ihrer Gesundheit erkundigen?

– Jetzt können Sie das schon ganz ruhig tun, denn ich bin viermal vom Tod zurückgeholt worden. Man gab mir ein Prozent Überlebenschance, meinen Söhnen und meiner Lebensgefährtin wurde gesagt, dass es an der Zeit sei, einen Pfarrer zu holen, und schließlich bin ich dennoch hier. Ich hatte eine sehr schwere Bauchspeicheldrüsenentzündung. Der Teufel machte am 1. April 2019 einen Scherz mit mir, als es mir schlecht wurde. Der Rettungsdienst brachte mich ins St. Margareten-Krankenhaus: Nach zwölf Tagen kam ich auf der Intensivstation zu mir. Ich war im künstlichen Koma gehalten worden. Wie Fotos zeigen, hingen zwanzig verschiedene Schläuche aus meinem Körper. Nach einem Monat wurde ich ins Honved-Krankenhaus übergeführt. Nach insgesamt 226 Tagen im Spital durfte ich –  34 kg leichter  – nach Hause.

– Ich sehe, dass Sie abgenommen und auch einen Bart wachsen lassen haben; sind Sie ein neuer Mensch geworden?

– Ich bin ganz der Alte in einem neuen Körper .

– Gab es einen Moment, in dem Sie über Ihr Leben Bilanz zogen? Wenn ja, was kam dabei heraus? Zu welchem Ergebnis sind Sie gelangt?

– Was ich zu Papier bringen wollte, habe ich vielleicht schon niedergeschrieben. Mit meiner fachlichen Anerkennung bin ich zufrieden. Auch was die Familie angeht, ist alles in Ordnung, ich vermisse nichts. Ich habe vom Leben mehr bekommen, als wozu ich – wenn ich Reformierter wäre, würde ich sagen – prädestiniert war.

– Als Historiker haben Sie die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts, ein mit Politik, Emotionen, Tabuthemen und unausgesprochenen Traumata belastetes Zeitalter als Ihr Hauptforschungsgebiet gewählt. Warum gerade diese Zeit?  Leben vielleicht auch in Ihnen  Familientraumata aus den Kriegsjahren oder den Jahren danach?

– Traumata gibt es in jeder ungarischen Familie. Der Onkel meines Vaters war zum Beispiel am Don vermisst, meinen Vornamen habe ich von ihm geerbt. Meine Kindheit verbrachte ich in Törökkoppány (Komitat Somogy), wo alles von der Vergangenheit erzählt, denn die Gegend war ein Sandschak-Sitz in der Zeit der osmanisch-türkischen Eroberung. Wir Kinder meinten, in den in der Erde gefundenen Scherben einen Fund aus der Türkenzeit entdeckt zu haben. Mein Großvater väterlicherseits war Schuh- und Stiefelmacher, der die Legenden der Vergangenheit mochte, belesen war und viel erzählte. Ich glaube, durch ihn habe ich mich in die Geschichte verliebt. All die Bücher mit historischen Themen in der Dorfbibliothek habe ich gelesen. Als Schüler der Achtklassenschule gewann ich den Komitatswettbewerb im Fach Geschichte, im Landesfinale schnitt ich – wenn ich mich recht erinnere – als Dreizehnter ab. Schon damals fasste ich den Entschluss, mich für die Fächer Geschichte und Geografie an der Eötvös-Lorand-Universität (ELTE) zu bewerben. Nur hatte ich umsonst gute Ergebnisse; mein Klassenlehrer zog meinen Vater und meine Mutter nach einer Elternversammlung zur Seite und meinte, wenn das Kind studieren möchte, wäre es besser, wenn seine Eltern keine Kleingewerbetreibenden wären, weil das nicht als Abstammung von Arbeitern oder Bauern zählt. Mein Vater als Schuster und meine Mutter als Schneiderin waren nämlich beide Kleingewerbetreibende. Daraufhin verdingte sich mein Vater beim Gemeinderat als Bauarbeiter, und ich konnte in die Rubrik Beruf des Vaters „Hilfsarbeiter”eintragen. Heute noch gibt es die Gehsteige in Törökkoppány, die er damals gebaut hatte, und ich wurde schließlich für die Fächer Geschichte und Bibliothekswissenschaft aufgenommen, denn in jenem Jahr startete die ELTE keinen Studiengang in den Fächern Geschichte und Geografie. Natürlich wurde ich gleich für den Wehrdienst von elf Monaten nach Hódmezővásárhely eingezogen.

– Haben Sie ihn sehr gehasst?

– Ich habe diese Zeit nicht als Tragödie erlebt. Die Tatsache, dass wir zu 24 im Schlafraum schliefen, war ein Fortschritt im Vergleich dazu, dass wir zu 40 bis 50 im Internat der Oberschule waren. Warmes Wasser zum Duschen gab es weder hier noch da. Die Zeit macht es vielleicht schöner, mir fallen aber die bis heute bestehenden Soldatenfreundschaften eher ein als die Unannehmlichkeiten.

– Danach kam die Universität, Sie haben aber immer noch nicht verraten, warum Sie sich gerade für das 20. Jahrhundert entschieden.

– Schon immer fand ich zwei Epochen wirklich spannend: das 20. Jahrhundert und das Spätmittelalter, auch darunter vor allem die Militärgeschichte. Um das Mittelalter erforschen zu können, sind Kenntnisse in Latein unerlässlich, und ich spürte keine Kraft in mir, um anzufangen, Latein zu lernen. Es blieb also das andere Zeitalter, zu dem die deutsche und die russische Sprache gerade genügten. Als es im dritten Studienjahr Zeit war, ein Thema für die Dissertation auszuwählen und ich mich mit dem bürgerlichen Widerstand von Bajcsy-Zsilinszky beschäftigen wollte, riet mir mein Professor Gyula Vargyai davon ab. Er fand das Thema politisch zu heikel, stattdessen schlug er mir vor, lieber die Geschichte der Lager-Gendarmerie aufzuarbeiten, denn damit hatte sich sowieso noch keiner befasst, ich könnte der erste sein. Es stellte sich freilich sehr bald für mich heraus, dass die Dokumente nicht das enthalten, was ich bis dahin in den Lehrbüchern über das Thema gelesen hatte.

– Waren also der Kranichfeder und das Gendarmerie-Bajonett doch nicht Synonyme des Schreckens?

 – Die gesellschaftliche Beurteilung der Gendarmerie war bis 1945 eindeutig positiv, die kommunistische Propaganda war darum bemüht, sie  zu beschmutzen. Sie war ein diszipliniertes, den Regeln folgendes Korps der öffentlichen Sicherheit, dem es zu verdanken war, dass es in den 20er- und 30er-Jahren in Ungarn eine öffentliche Sicherheit gab wie an nur wenigen Orten in Europa. Die Geschichten über Ochsenziemer und Gummiknüppel sind Wandermotive, die in Anklageschriften der Volksgerichte vorkamen, und wir wissen, wer sie verfasst hatte. In Wirklichkeit war der Gummiknüppel bei der Gendarmerie niemals eingeführt worden. Ich behaupte natürlich nicht, dass nicht hin und wieder Ohrfeigen klatschten, wie es auch zutrifft, dass sie bei Deportierungen eingesetzt wurden, und auch diese – wie alle anderen Tatsachen – müssen beachtet werden, bevor man ein Urteil fällt. Nach der Verteidigung des Diploms bewarb ich mich 1980 – mit Empfehlung meines Professors – beim Militärhistorischen Archiv als wissenschaftlicher Mitarbeiter. Ich arbeitete mich auf der Stufenleiter hoch, bis ich schließlich nach zwanzig Jahren und vier Monaten als Generaldirektor dort aufhörte.

Bildquelle: © Árpád Kurucz