VERITAS Institut für Geschichtsforschung und Archiv

– Hat Sie in der späten Kádár-Ära keiner daran gehindert, die bis dahin geltenden Darstellungen im Zusammenhang mit der Rolle der Gendarmerie in Zweifel zu ziehen?

– Es überrascht vielleicht, aber nein! Mehr noch,  meine Publikationen in den ’80er–90er-Jahren über die Gendarmerie und die Militärführung in der Horthy-Ära lösten positive Meinungen bei vielen aus, auch bei denen, die mich später einen  Faschisten nannten.

– Warum haben Sie nach zwei Jahrzehnten das Institut und Museum für Militärgeschichte verlassen?

– Damals habe ich dank dem Filmregisseur Sándor Sára schon seit Jahren beim Fernseh-Sender Duna TV Programme moderiert. Ich war der Initiator einer abendfüllenden Programmreihe, die mehrere Jahre lang lief. Man sagte, ich mache das ziemlich gut, ich hatte eine Menge Aufträge für Forum-Programme, noch dazu war ich 1998 der Moderator eines Thementages Gulag in einer Live-Sendung, von Mittag bis Mitternacht. Als der Vorsitzende des Senders István Pekár mich bat, als Direktor für Kultur bei ihm zu arbeiten, dachte ich: Hier ist die Möglichkeit, um mehr  als früher für die Verbreitung wissenschaftlicher Kenntnisse, für die Ungarn jenseits der Grenzen tun zu können, und so einigten wir uns. Einige Wochen später war ich schon für die Programme zuständiger stellvertretender Vorsitzender. Damals spielte das Duna TV eine enorm große Rolle im Leben der ungarischen Gemeinschaften jenseits der Grenzen, und ich setzte mich mit aller Kraft für Programme und Dokumentarfilme zur Verbreitung historischer Kenntnisse ein, die nach meinem Ausscheiden langsam ausstarben.

– Warum sind Sie weggegangen?

– Als 2002 die Nachfolgepartei erneut an die Macht kam, wurde meine Situation schwieriger.  2004 wurde dem Vorsitzenden signalisiert: Falls ich von dort verschwinde, dann besteht  für ihn die Möglichkeit, noch einen Zyklus lang Vorsitzender bleiben zu können. István Pekár war sehr korrekt zu mir: Er erzählte mir, wie das Ultimatum lautete, aber die Programme, für die ich während meiner Zeit als stellvertretender Vorsitzender verantwortlich war, durfte ich weitermachen. Nachdem aber auch Pekár gehen musste, ging auch diese Möglichkeit für mich zu Ende.

– Wissen Sie, wer Sie entfernen wollte?

– Ich werde meistens von der gleichen Stelle angegriffen, aber auch dies ist keine lupenreine Geschichte. Die hinter den Kulissen verlaufenden politischen Abmachungen über meine Person kenne ich nicht, doch so viel erreichte mich auf jeden Fall, dass zum Beispiel Tibor Draskovics, Kabinettchef des Ministerpräsidenten Péter Medgyessy, angeblich den Vorsitzenden unvermittelt fragte: „Wie lange wird dieser faschistische Szakály noch auf dem Posten des Stellvertreters  sitzen?ˮ

– Sind Sie arbeitslos geworden?

– Ja, ich war aber nicht der Einzige. In den Medien wurde eine große Säuberung durchgeführt – wo immer es möglich war. Nach einer Zwangspause von einigen Monaten war ich für kurze Zeit im Ungarischen Landesarchiv, von dort kam ich ins Archiv der Staatssicherheitsdienste; diese ruhigere Zeitspanne war dafür geeignet, dass ich mich auf die Verteidigung meiner Dissertation für den Doktortitel der Akademie der Wissenschaften vorbereitete. Nachdem der Präsident der Republik mich 2007 zum Universitätsprofessor ernannt hatte, landete ich nach kurzen Abstechern an einigen Universitäten an der Károli-Gáspár Universität der Reformierten Kirche, wo zufällig mein einstiger Kommilitone vom Eötvös-Kollegium András Szabó Dekan der Philosophischen Fakultät war. Er lud mich ein, um bei der Schaffung der Doktorschule zu helfen. Als ich das Gefühl hatte, auch diese Aufgabe bewältigt zu haben, übernahm ich daneben auch die Leitung der Themengruppe Horthy-Ära am Institut für Geschichtswissenschaft der Ungarischen Akademie der Wissenschaften. Von 2013 an war ich stellvertretender Rektor für Wissenschaft und Universitätsprofessor an der Universität für den Nationalen Öffentlichen Dienst. Zu dieser Zeit bin ich gebeten worden, mich für den Posten des Generaldirektors des entstehenden Veritas Instituts für Geschichtsforschung zu bewerben.

– Mit welchem Auftrag entstand das Veritas Institut?

– Der ehemalige Ministerpräsident Péter Boross warf  im Jahre 2013 auf, dass ein Forschungsinstitut ins Leben gerufen werden sollte, das sich mit der Wendezeit beschäftigt; schließlich wurde der Entschluss gefasst, das Forschungsgebiet des Veritas Instituts auf den Zeitabschnitt vom Ausgleich 1867 bis zum Ende der Antall-Regierung auszuweiten. Diese über hundert Jahre sind nämlich voller historischer Fragen, die wissenschaftlich zurechtgerückt werden sollten.  

– Ein gewisser Teil der Fachkollegen spie Gift und Galle gegen Sie. Warum eigentlich?

– Als am 25. Oktober 2013 in Magyar Közlöny (Ungarisches Mitteilungsblatt) erschienen ist, dass die Regierung eine neue Forschungsstätte für Geschichte gründet, konnte ich schon am nächsten Morgen einen Aufruf auf meinem Gerät lesen: Protestieren wir gegen das Entstehen von Veritas. Zu dieser Zeit wusste noch keiner, was die Forschungsthemen und wer die Mitarbeiter sein würden. Was war dennoch der Beweggrund für den Aufruf? Meines Erachtens spürten manche ihr Meinungsmonopol in Gefahr. Sie sind außerstande zu akzeptieren, dass man die Welt auch aus einem anderen Blickwinkel sehen kann. Tatsachen sind  freilich immer Tatsachen, hier gibt es einen relativ engen Spielraum. Die Untersuchung dessen jedoch, wie wir in die jeweilige historische Situation geraten sind, ob es auch andere Alternativen gab, dafür sind mehrere Urteile möglich. Man muss zur Kenntnis nehmen, dass die Geschichtswissenschaft keine Mathematik ist. In der Einschätzung eines Historikers ist notgedrungen das Subjekt vorhanden, die Gesamtheit der vom betreffenden Wissenschaftler erreichten und verarbeiteten Quellen, sein individuelles Wissen und seine Sichtweise. Ich bin immer bereit zu diskutieren, erwarte aber von meinen Diskussionspartnern, meinen  fachlichen Argumenten fachliche Argumente entgegenzustellen. Sie sollten nicht persönlich werden, sollten nicht versuchen zu brandmarken und vor allem: sie sollten nicht lügen! Wenn ich mir die Äußerungen anschaue, die sich einzelne Kollegen, noch eher einzelne Journalisten in Zusammenhang mit meiner Ernennung an die Spitze des Veritas Instituts erlaubten, so ist das nicht anständig.

– Zielen Sie damit auf die lange Liste von Schimpfnamen hin, die gerahmt an der Wand Ihres Büros zu sehen ist?

– Sie ist der „Ertragˮ von mehreren Jahren. Autoren linksgesinnter Presseerzeugnisse versehen mich – einander überbietend – seitdem immer noch mit Attributen, die ein Ehrenmann nicht verwendet. Die Anständigkeit eines Ehrenmannes ist keine politische Kategorie. Wer die Menschenwürde des Anderen nicht achtet,  ist einer Diskussion unwürdig. Ich war zehn Jahre alt, als mein Großvater mütterlicherseits im Sterben lag; er rief mich zu sich ans Bett, und verabschiedete sich von mir mit den Worten: „Mein Kleiner, ich kann dir nichts weiter für dein Leben mitgeben, nur so viel: Wenn du recht hast, gib nicht nach, auch wenn auf deinem Rücken Holz gehackt wird!ˮ Nun, das war ein Ratschlag für meinen Lebensweg, den ich niemals vergesse.