VERITAS Institut für Geschichtsforschung und Archiv

 „Mein jüngerer Sohn besucht die Reichsdeutsche Schule in der Damjanich-Straße, jetzt haben sie das Jahr im Rahmen eines Ausflugs, verbunden mit einem Sportfest, abgeschlossen; von dort kam er mit großem Triumph nach Hause und schwenkte eine prächtig ausgestellte Urkunde. […] Man hat das Gefühl, diese Schule freut sich über ihre Schüler, mag sie  und ist im Namen eines jeden Einzelnen mindestens so ehrgeizig wie die Eltern, mit dem Unterschied, dass die schulische Liebe immer ermutigt, während die Liebe der Eltern die Kinder oft verweichlicht. Sie ist auch ansonsten eine ausgezeichnete Schule, es wird viel gelernt, mit Leichtigkeit und ohne Überheblichkeit, es gibt reichlich Spiele, Wettkämpfe und praktische Geschicklichkeitsübungen. Über dem Ganzen schwebt der im besten Sinne verstandene deutsche humanistische Weltgeist, der Geist der alten deutschen Tugenden, ohne die neuen deutschen Fehler. Es gibt auch einen gesonderten Ungarisch-Unterricht, und ich habe nicht bemerkt, dass die Kinder in Bezug auf die ungarische Bildung im Rahmen der offiziellen Unterrichtssprache zurückbleiben würden.”

Die „Reichsdeutsche Schule” (1908–1944) war eine populäre und angesehene Budapester Schule in der Zwischenkriegszeit, die auf den ersten Blick  interessanterweise im oben zitierten Presseartikel auch von Frigyes Karinthy gewürdigt wurde (Német iskola. Gyerekek és felnőttek számára. Pesti Napló, 19. Juni 1932, Seite 36/ Deutsche Schule – Für Kinder und Erwachsene). Man wurde und wird –  damals wie auch jetzt – hellhörig.  Spürte der namhafte Schriftsteller vielleicht nicht die Gefahr der in Deutschland vorpreschenden militanten Extremrechten? Oder wollte er vielleicht  seinen im Artikel zitierten Sohn, Cini [Ferenc Karinthy – L.O.] gerade damit vertraut machen, ihn eventuell durch seine persönlichen Erfahrungen davon abschrecken?

Die genannte Schule wurde ursprünglich für die Ausbildung von Kindern deutscher Staatsbürger gegründet, die in vorübergehender Mission – auf Posten von Wirtschaft oder Diplomatie – in Ungarn weilten. Bald konnten sich jedoch auch Kinder der übrigen ausländischen Staatsbürger, vom Beginn der 20er-Jahre nunmehr auch ungarische Kinder dort einschreiben. Sie wurde bei der bürgerlichen Elite der damaligen Stadt Budapest äußerst populär, insbesondere die jüdische Bevölkerung der Hauptstadt präferierte die Einrichtung. Die Schüler konnten sich – in koedukativen Klassen – neben der auf anerkannt hohem Niveau vermittelten ungarischen Bildung und Kultur den europäischen Horizont und die europäische Sicht in der Institution aneignen, die  internationalen Charakter und toleranten Geist trug und von politischen Extremen deutlich Distanz hielt. Der Lehrkörper bestand aus zumeist offenen, tolerant denkenden Pädagogen (so werden sie in den späteren Erinnerungen der Schüler charakterisiert). Die deutschen Mitglieder des Lehrkörpers wollten eigentlich gerade deswegen vor der mit Hitlers Machtübernahme begonnenen Umstellung in die Budapester Einrichtung kommen, die für sie einen höheren Grad der Freiheit bedeutete; so wollten sie günstigere Zeiten abwarten. Sie waren bemüht, sich in der ungarischen Hauptstadt am wenigsten so zu verhalten, als ob sie Träger und Vorposten reichsdeutscher Ziele wären.

Vom Niveau der Schule zeugen zahlreiche Absolventen der Schule, die später auf den unterschiedlichsten Gebieten des Lebens ihre Spuren hinterließen, wie der Schauspieler Iván Darvas, die Journalisten Miklós Gimes und Péter Rényi, der Redakteur der ersten Großen Wörterbücher der deutschen Sprache Előd Halász, der Agrarexperte  Univ. Prof. Vladimir Magyari Beck, Redakteur des Wörterbuchs der Landwirtschaft Ungarisch-Russisch, der Soziologe Péter Kende, der Wissenschaftler der Chemie  Univ. Prof. László Markó, die Ökonomen János Kornai und Tamás Sattler, die Olympionikin Éva Székely und der international bekannte Hirnforscher János Szentágothai... Manche dieser Namen sind auch in dem Sinne vielsagend, dass die jüdische Bevölkerung der Hauptstadt die Schule ebenfalls präferierte bis ganz hinauf zu den Familien des jüdischen Großbürgertums mit unerreichbarem Reichtum: Diese Schule besuchte der auserwählte Erbe des Goldberger-Reiches György, der später einem Verkehrsunfall in Österreich zum Opfer fiel. Es gab Zeiten, in denen 40% der Schüler jüdischer Herkunft waren.  Der einstige Sekretär Frigyes Karinthys, Miklós Dénes,  erinnerte sich in den 1980er-Jahren: „Cini kam eines Tages aus der Schule heim und fragte:  „Papa, sag mal, wenn man alt wird, wird man Jude?” – „Woher nimmst du denn diesen Blödsinn?”  – „Weil bei uns in der Schule die Großväter von allen Juden sind.” Daraufhin Karinthy: „Sage, deiner ist ein Neger.” Dass sich die Juden hier  zuhause fühlten, wird von Cinis Klassenkamerad Walter Endrei, dem späteren namhaften Industriehistoriker, bestätigt:  „Zum Schutze der Deutschen muss ich sagen, dass der Nazismus sehr spät in die Schule einzog. Bis zur Reifeprüfung, mehr noch, auch nach ’39 gab es keinen wirklichen Judenhass.” (http://www.szombat.org/archivum/karinthy-marton-a-boszorkanykerdes-vegso-megoldasa-1352774062)

Unter diesen Umständen sind die nach dem Zweiten Weltkrieg sofort begonnenen Versuche zur Besudelung der Geistigkeit der Schule umso  augenfälliger, unter anderem die Zeilen im Zentralorgan der Partei Szabad Nép im Frühjahr 1947: „Hierhin, in die reichsdeutsche Schule schickten die vornehmen Eltern ihre Sprösslinge aus allen Teilen der Stadt, die sich in ihrer duseligen Begeisterung für das Deutschtum nichts daraus machten,   wenn die  empfänglichen Seelen mit konzentriertem Nazi-Geist durchtränkt wurden.” („Reichsdeutsch-schule”. Szabad Nép, 30. April 1947, Seite 4). Zu einer Rehabilitierung konnte es in Wirklichkeit erst nach der Wende kommen, als sich immer mehr ehemalige Schüler, die sich einen Ruf erworben hatten, mit liebevollen Worten an die in der Schule verbrachten Jahre erinnerten; die ehemalige Alma Mater haben sie von den schlimmen Ideen nicht nur getrennt, sondern sie – wie das Éva Székely auch als Jüdin 2003 in der Tageszeitung Népszava tat –  als „ideale Gemeinschaft” dargestellt. („Egy nagy csapat tagja leszek…” (Ich werde Mitglied einer Großen Mannschaft) Népszava, 8. Februar 2003, S. 8.) Das Meiste kann das Gedenken an die Schule dem Filmregisseur Gábor Zsigmond Papp verdanken, der diesem Thema einen meisterhaften (beim 35. Ungarischen Filmfestival preisgekrönten) Dokumentarfilm (Schule des Reiches; 2003) widmete. 

László Orosz

                                                                                                      Bildquelle: multmento.blog.hu