VERITAS Institut für Geschichtsforschung und Archiv

Am 6. Dezember 1956 waren die Olympischen Spiele in Melbourne (22.11. bis 08.12.) als Sportereignis praktisch zu Ende gegangen; mehr noch, sie hatten sich letztendlich vielmehr zu einem politischen Ereignis gewandelt. Die Revolution und der Freiheitskampf 1956 in Ungarn  und die Situation am Suezkanal erschwerten gründlich die australische Illusion, dass die Olympiade von Melbourne die Rolle als wichtigstes Ereignis des Jahres erfüllen kann. Die Niederlande, Spanien und die Schweiz boykottierten die größte Sportveranstaltung wegen der Ereignisse in Ungarn, Ägypten, Irak und  Libanon hingegen wegen der Suezkrise.

Der offizielle Film über die Olympiade beschäftigte sich nicht einmal mit den ungarischen Sportlern, das Australische Olympische Komitee erinnerte sich damals ungern an die Geschehnisse während des sowjetisch–ungarischen Wasserballspiels in Melbourne. Das gleiche tat auch die Presse der Kádár-Ära; die Tageszeitung Sport, die unter dem Einfluss der Revolution vorübergehend unter dieser Bezeichnung statt Népsport erschien, berichtete in ihrer Ausgabe am 7. November 1956 über das Wasserballspiel, das mit dem Triumph der Ungarn endete, äußerst wortkarg.  Über das Treffen mit dem Ergebnis 4:0 wurde lediglich geschrieben, dass es um ein Spiel mit hartem Kampf und vielen Hinausstellungen ging. Keine einzige Zeile wurde für Ervin Zádors bekannte Kopfverletzung vergeudet, weswegen sich das ohnehin antisowjetische Verhalten des Publikums bis zum Äußersten steigerte. Das war auch dem Tatbestand zuzuschreiben, dass Zádor an der Seite der Fans aus dem Becken stieg und jeder das Blut gut sehen konnte, das an seinem ganzen Körper hinunterlief, was die Fortsetzung des Treffens unmöglich machte. Die Schiedsrichter pfiffen das Treffen ab. All diese Szenen riefen insbesondere in den westlichen Medien eine Wirkung hervor, als ob eine Schlacht der von den sowjetischen Truppen niedergeschlagenen ungarischen Revolution ’56  beim olympischen Wasserballturnier stattgefunden hätte. Nach Meinung anderer war Zádors Verletzung lediglich eine gewöhnliche Sportverletzung, allerdings erhoben Zeitpunkt, Art  und Weise und die Tatsache, dass sie von einem sowjetischen Spieler verursacht worden war,  das Spiel vom 6. Dezember 1956 zu einer unvergänglichen Legende.

                                                                                                                                  János  Rácz

          Bildquelle: Herald Sun