VERITAS Institut für Geschichtsforschung und Archiv

Von Mitte November 1956 an wurde es immer offensichtlicher, dass die Phase des bewaffneten Widerstands der Revolution und des Freiheitskampfes langsam zu Ende geht. Der Widerstand suchte und fand neue Formen.  Streik und die Herstellung von Flugblättern und illegalen Zeitungen waren die Lösungen, mit denen man anfänglich erfolgreich den Kampf aufzunehmen bestrebt war gegen den inakzeptablen János Kádár, dem mit Hilfe der Sowjets an die Macht verholfen worden war, und gegen seine Politik. Zu den grundlegenden Forderungen gehörten der Abzug der sowjetischen Truppen und der Rücktritt Kádárs und seiner Minister.

Der Streik erzielte kein Ergebnis, die „Stimme der Straße” brachte jedoch das sich formierende neue Regime gründlich auf. Es war kein Zufall, dass Kádár auf der Sitzung des Provisorischen Verwaltungsausschusses der Ungarischen Sozialistischen Arbeiterpartei am 16. November 1956 feststellte: „Wenn wir nicht schonungslos vorgehen, werden wir hinweggefegt.”

In dieser Situation organisierte der Widerstand am 4. Dezember 1956 eine Frauendemonstration. Nicht zufällig wurde dieser Zeitpunkt gewählt, denn seit dem 4. November  (Invasion tausender russischer Panzer zur Niederschlagung der Revolution / Anm. Übers.) war erst ein Monat vergangen. Hinter dieser Aktion stand eine Gruppe im Krankenhaus in der Péterfy-Straße, die illegale Zeitung „Élünk” (Wir leben) und deren Redakteure József Gáli und Gyula Obersovszky. An der Bewegung, die auf Flugblättern und Zeitungsseiten organisiert worden war, durften nur Frauen teilnehmen.

Der Aufruf hatte eine gewaltige Wirkung: Schon um elf Uhr vormittags versammelte sich eine riesige Menschenmenge auf dem Heldenplatz: Mädchen, Frauen und Mütter mit ihren Kindern, mit schwarzen Fahnen, der ungarischen Nationalfahne und Blumensträußen marschierten gegen die Sowjetarmee auf, die die Revolution niedergeschlagen hatte. Die Masse der trauernden Frauen, die den Opfern des Freiheitskampfes ihre Ehre bezeigten, ihrer gedachten, erwies sich als wirkungsvoll; die Staatsmacht wich zurück und ließ schließlich dieses letzte bedeutende Gedenken zu.

Zwei Tage später jedoch befahl die Regierung, auf die Protestierenden  zu schießen, die sich  auf dem Westbahnhof-Platz als Antwort auf eine Demonstration für die Kádár-Regierung versammelt hatten. Sie machte damit klar, dass Protestaktionen gegenüber dem neuen Regime nunmehr nicht einmal auf der Straße akzeptiert werden.                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                     

János Rácz