VERITAS Institut für Geschichtsforschung und Archiv

Im Sinne des am 2. November 1938 im Wiener Schloss Oberes Belvedere  verkündeten deutsch-italienischen Schiedsgerichts-Abkommens wurden Ungarn 11.927 km² (mit nachträglichen Korrekturen 12.012 km²) vom Gebiet der damaligen Tschechoslowakischen Republik zugesprochen. Wenn wir den Abschluss der militärischen Operationen in Ungarn im April 1945 als eine Grenzlinie zwischen Epochen betrachten, gehörte nach den Revisionserfolgen 1938–1941 diese geografische Region unter den Gebieten, die  wieder an das Mutterland angeschlossen wurden, die längste Zeit, über sechs Jahre lang, unter die Oberhoheit des ungarischen Staates und der ungarischen Verwaltung. Die Großmächte ordneten Osteuropa nach dem Zweiten Weltkrieg der Interessensphäre der Sowjetunion zu, so wurden die historischen Perspektiven des ersten ungarischen Gebietszuwachses durch die Machtdoktrin des Kreml bestimmt, der wahre „Schiedsrichter” der ungarisch–tschechoslowakischen Gebietsdebatte wurde der bolschewistische Staat. Daher stellen wir kurz dar, wie er  zu dem Wiener Großmachtakt stand, an dem er als Großmacht nicht einmal teilhaben konnte.

Die sogenannte Sudetenkrise, die sich seit dem Frühjahr 1938  in der europäischen politischen Arena verschärft hatte, bereitete den Boden für den Richtungswechsel der sowjetischen Außenpolitik: Der Gegensatz zwischen „der Idee der kollektiven Sicherheitˮ, vertreten vom  Volkskommissar für auswärtige Angelegenheiten, Maxim Litwinow, und der Auffassung des Parteiführers Josef Stalin, der das kapitalistische Umfeld als homogene, feindliche Sphäre definiert hatte, wurde immer nachdrücklicher. Das Viermächteabkommen vom 30. September 1938 in München und infolgedessen die Besetzung der bis dahin zur Tschechoslowakei gehörenden Gebiete am 2. Oktober durch Polen mit militärischer Gewalt und schließlich der Wiener Schiedsspruch vom 2. November machten das Scheitern des außenpolitischen Kurses der kollektiven Sicherheit eindeutig, der auf Vereinbarungen über den gegenseitigen Beistand zwischen Frankreich und der Sowjetunion vom 2. Mai 1935 sowie zwischen der Tschechoslowakei und der Sowjetunion vom 16. Mai 1935 beruhte. Stalin war überzeugt davon, dass die wahre Gefahr für die Sowjetunion nicht die Aggression Nazi-Deutschlands, sondern die Absicht des britisch–französischen Tandems bedeutete, diese Aggression in östliche Richtung zu lenken. Die Ablösung Litwinows am 3. Mai 1939 kann in der sowjetischen Außenpolitik als Symbol betrachtet werden, der Richtungswechsel gipfelte jedoch im deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakt (allgemein bekannt als Ribbentrop-Molotow-Pakt) vom 23. August 1939. (Fortsetzung folgt)

Attila Seres

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