VERITAS Institut für Geschichtsforschung und Archiv

Vor dreißig Jahren, am 12. und 13. Januar 1991 schaute die Welt auf Litauen. Die internationale Öffentlichkeit verfolgte atemlos die Ereignisse in der Hauptstadt des Landes. In den frühen Morgenstunden des 13. Januar besetzte ein Verband der Spezialeinheit Alfa des sowjetischen Geheimdienstes KGB die Gebäude des Fernsehsenders in Vilnius, die von einer Masse von mehreren tausend Menschen umgeben waren. Die Militäraktion mündete in einer Tragödie: Es waren 15 Tote zu beklagen, die Zahl der Verletzten geben die unterschiedlichen Quellen in einem Bereich zwischen 500 und 900 an.

Litauen war die erste Unionsrepublik, deren Oberster Sowjet sich an die Spitze von Lostrennungsbestrebungen stellte, für die die politische und gesellschaftliche Atmosphäre der Perestroika der Boden bereitet hatte, und er verkündete am 11. März 1990 die Unabhängigkeit des Landes und die Entstehung der Republik Litauen. Im Sinne der Entscheidung wurde die damals gültige sowjetische Verfassung außer Kraft gesetzt und die Gültigkeit des Grundgesetzes aus dem Jahre 1938, vor der Okkupation Litauens 1939–1940, wiederhergestellt. Das war ein äußerst entschlossener Schritt, der unter den  damaligen innenpolitischen Verhältnissen vielleicht sogar etwas waghalsig erschien. Vom Prinzip der Volkssouveränität ausgehend konnte seine Legitimität keinesfalls angezweifelt werden: Bei den Wahlen am 24. Februar 1990 gewann die von Vytautas Landsbergis geprägte politische Bewegung  Sąjūdis die absolute Mehrheit (91 der 135 Abgeordnetenmandate, damit  über 70% der Mandate) im Obersten Sowjet.

Der litauische Unabhängigkeitsprozess wurde sowohl für die sowjetische zentrale Führung als auch für die politischen Souveränitätsbewegungen der einzelnen Sowjetrepubliken zum Prüfstein und Gradmesser der Integrität der Sowjetunion als föderaler Staat. Lettland und Estland, die – was die Proportionen anging – über eine viel größere und einflussreichere Bevölkerung russischer und ukrainischer Herkunft verfügten als die in Litauen angesiedelten Einwohner russischer Herkunft, die daher auch verletzlicher waren, zeigten in dieser Hinsicht auch eine etwas größere Vorsicht, sie folgten dem Beispiel Litauens oft einen Schritt später. Ziemlich plastisch wird dies durch den seinerzeit bei den pragmatischen estnischen Unabhängigkeitsdenkern verbreiteten Spruch wiedergegeben: „Wir werden um die Unabhängigkeit unseres Landes bis zum letzten Tropfen litauischen Blutes kämpfen.” Litauen hat die Freiheit nicht „umsonst” erhalten; von der Proklamation der Unabhängigkeit am 11. März 1990 bis zu deren Anerkennung durch die sowjetische Regierung am 5. September 1991 führte ein holpriger Weg. Es sollte zum Beispiel erwähnt werden, dass die litauische Regierung eines Tages, genau am 29. Juni 1990, auf den Druck partieller Blockademaßnahmen, die Moskau am 17. und 18. April gegenüber der Republik verhängt und das Land damit von den strategischen Energieträgern abgeschnitten hatte, gezwungen war, für die Zeit der Verhandlungen mit den zentralen sowjetischen Organen den Prozess der Durchführung der Unabhängigkeitserklärung aufzuheben. Trotzdem wurden – wenn auch langsam, so doch allmählich – Litauens Organe der Macht, Verwaltung und des Ordnungsschutzes, die als Attribute der unabhängigen Staatlichkeit anzusehen sind, ausgebaut.

Die Verordnung der litauischen Regierung vom 7. Januar 1991 über die Erhöhung der Preise für Produkte der Lebensmittelindustrie im Rahmen der „Preisliberalisierung” zur Unterstützung des Übergangs auf die Verhältnisse der Marktwirtschaft kann als unmittelbare Vorgeschichte der blutigen Januarereignisse betrachtet werden. Mit diesem Schritt stiegen die Preise für Grundnahrungsmittel im Durchschnitt auf das Dreifache an, was in der Bevölkerung gewaltige Unzufriedenheit auslöste. Da die Alfa-Einheiten zu dieser Zeit bereits in Vilnius stationiert waren, gab es nach Meinung vieler einen direkten Zusammenhang zwischen der Verordnung vom 7. Januar und dem Einsatz der KGB-Verbände: Die Moskauer zentrale Führung rechnete damit, dass die Wirkungen der Blockade früher oder später negative wirtschaftliche, soziale und existenzielle Prozesse in Gang setzen werden und wartete nur auf die günstige Gelegenheit, um unter Ausnutzung des entstehenden Wirrwarrs eingreifen zu können. Die unionistischen Kräfte, die vorwiegend die russische Bevölkerung und die litauischen Kommunisten vereinten, organisierten am 8. und 9. Januar – offiziell unter dem Vorwand, die Verordnung über die Preisliberalisierung zurückziehen zu lassen – riesige Massendemonstrationen in Vilnius und forderten den Rücktritt der Regierung. Der KPdSU-Generalsekretär und Präsident der Sowjetunion, Michail Gorbatschow, forderte öffentlich, jeden „verfassungswidrigenˮ Akt, der vom 11. März 1990 an in Litauen vollzogen würde, außer Kraft zu setzen und die Gültigkeit der föderalen Verfassung auf dem Gebiet des Landes wiederherzustellen. Am nächsten Tag begannen die Alfa-Truppen und die anderen im Land stationierten sowjetischen Militäreinheiten, die strategischen Kommunikationspunkte der Hauptstadt und der größten Städte Kaunas, Klaipeda und Šiauliai in mehreren Etappen einzunehmen. Noch am selben Tag um 18.00 Uhr verkündete das Zentralkomitee der moskautreuen Kommunistischen Partei Litauens die Gründung des sogenannten Komitees der Nationalen Rettung, aus dessen Erklärungen zu schließen war, dass es sich als Hüter der Macht sah. Es stand also ein alternatives Machtzentrum (ein sowjetfreundliches Gebilde einer Marionettenregierung) zur Verfügung, um die Machtverhältnisse zu ändern. (Die mit dem Namen von Algirdas Brazauskas geprägte Kommunistische Partei Litauens trat auf ihrem außerordentlichen Parteitag im Dezember 1989 aus der Kommunistischen Partei der Sowjetunion aus; Gegner der Entscheidung riefen ihre eigene kommunistische Partei ins Leben, die sich nach wie vor als Teil der KPdSU betrachtete.)

Aufgrund der unionistischen Demonstrationen, der sowjetischen Truppenbewegungen und der Erklärungen der moskautreuen Kommunistischen Partei riefen Landsbergis und die Sąjūdis-Abgeordneten am 11. Januar die Menschen in den unterschiedlichen Rundfunk- und Fernsehkanälen auf, die Institutionen der Unabhängigkeit zu verteidigen. Obwohl die sowjetischen Militärkräfte am 11. Januar um 20.00 Uhr die Eisenbahnverbindungen von Vilnius abgeschnitten hatten, so dass der Eisenbahnverkehr auch unterbrochen war, und sie am Morgen des 12. Januar die Telefonzentrale der Hauptstadt einnahmen, versammelte sich am 11. und 12. am Parlament und am Gebäude des Fernsehturms eine gewaltige Menschenmenge. Um sie herum errichteten die Anführer Barrikaden und versperrten die dorthin führenden Straßen mit Lkws und Pkws. In den Abendstunden des 12. Januar begannen die Vorbereitungen auf die Machtübernahme im Sitz der Stadtparteileitung Vilnius der  Kommunistischen Partei Litauens, der als Sitz des Komitees der Nationalen Rettung bestimmt wurde. Es wurden Arbeiterwehren gebildet, deren Mitglieder Petitionen ausgehändigt bekamen, mit denen sie zum Parlamentsgebäude marschierten.

In der Nacht des 13. setzten sich die Alfa-Sondereinheiten in zwei Marschkolonnen zur Fernseh- und Rundfunkzentrale und zum Gebäude des Obersten Sowjets in Bewegung. Heute ist es wegen der zahllosen einander widersprechenden Details schon äußerst schwierig, die Ereignisse an den Gebäuden des Fernsehturms vollkommen präzise zu rekonstruieren. Tatsache ist, dass die Alfa-Einheiten den Kordon durchbrachen und die zentralen Gebäude des Fernsehens besetzten. Um 02.10 Uhr konnte der Moderator noch in einer Live-Sendung mitteilen, dass sowjetische Kommandotruppen das Gebäude stürmten, die Sendung unterbrachen und alle dort Tätigen hinaustrieben. Zwölf litauische Verteidiger kamen vor Ort ums Leben, zwei Personen erlagen ihrer Verletzungen im Krankenhaus. Auch der Major des 7. KGB-Kommandos Viktor Schazkich starb, ihn traf eine Kugel in den Rücken. Der Großteil der Gefallenen starb an Schussverletzungen, einige hingegen „fielen unter fahrende Kraftfahrzeugeˮ, wie es offiziell hieß, oder „Räder von fahrenden Kraftfahrzeugen fuhren über ihre Körperˮ. Dieser Euphemismus bedeutete in Wahrheit, dass eine aus gepanzerten Fahrzeugen bestehende Marschkolonne an gewissen Stellen durch die Massen fuhr.

Die Aktion rief enorme internationale Empörung hervor. Obwohl der stellvertretende Verteidigungsminister Wladislaw Atschalow selbst die Operation leitete, übernahmen weder Michail Gorbatschow noch Verteidigungsminister Dmitri Jasow oder Innenminister Boris Pugo die Verantwortung für die Ereignisse. Der um seine internationale Reputation äußerst besorgte Staatspräsident und Partei-Generalsekretär berief sich darauf, dass er von der Aktion nichts gewusst habe, seiner lächerlichen Erklärung zufolge habe man den Kommandotruppen einen Befehl auf einem Blatt Papier gezeigt,  auf dem sein mit Bleistift geschriebener Name gestanden habe, und später sei dieses Stück Papier vernichtet worden. Mitglieder der Alfa-Spezialeinheit behaupteten später, nur  Platzpatronen bei sich gehabt zu haben, mit denen sie in die Luft geschossen hätten. Bezeugungen ehemaliger Sowjetsoldaten, die Umstände des Todes Viktor Schazkichs und Untersuchungen der sowjetischen Staatsanwaltschaft lieferten die Grundlage für die in Russland auch heute noch allgemein und offiziell geltende Ansicht, wonach im Fernsehgebäude verborgene litauische bewaffnete Personen in die Masse geschossen, in Wahrheit also „Litauer Litauer ermordet” hätten. 

Die Ereignisse zwischen dem 11. und 13. Januar 1991 in Litauen können als klassischer Versuch einer Machtübernahme gewertet werden. Die Okkupation des Fernsehturms bedeutete zugleich - auf lange Sicht - lediglich einen Pyrrhussieg  für die Führung unter Gorbatschow, der moralische Verlust wegen der Aktion, die mit einer hohen Opferzahl einherging, war viel größer als der strategische Gewinn der Okkupation eines Telekommunikationspunktes. Moskau konnte die Dominanz der Unabhängigkeitskräfte in Litauen nicht brechen, die Massenbasis des als Gegenregierung auserwählten Komitees der Nationalen Rettung und der kommunistischen Kräfte hinter ihm ergab sich fast ausschließlich aus den russisch und ukrainisch sprechenden Menschen, die 10-12% der Bevölkerung ausmachten. Die Militäraktion war jedenfalls dafür gut, um mit ihr eine abschreckende Kraft zu demonstrieren, d.h. die Litauer wissen zu lassen, dass der Kreml bereit ist, bis zum Äußersten  zu gehen, damit keine Unionsrepublik einen Präzedenzfall für den Ausstieg aus der Föderation schafft. Vielsagend ist die Tatsache, dass KGB-Vorsitzender Wladimir Krjutschkow kurz nach den Ereignissen in Vilnius, am 7. Februar, Gorbatschow ein Memorandum zukommen ließ, dessen Anhang den operativen Fahrplan für die Einführung des Ausnahmezustandes auf dem Gebiet des ganzen Landes beinhaltete. Denken wir also nicht, dass all dies nur eine leere Drohung seitens Moskau war und die Zahl der Opfer des litauischen Unabhängigkeitsprozesses mit der Belagerung des Fernsehturmes ihren Höhepunkt erreicht hätte. Am 31. Juli 1991, also weniger als einen Monat vor dem Moskauer Operettenputsch am 21. August, der den De-Facto-Zerfall der Sowjetunion besiegelte, ermordete eine sowjetische Diversanteneinheit – offensichtlich in provokativer Absicht – sieben Beamte der litauischen Zollorgane an der sowjetisch–litauischen Grenzstation beim Dorf Medininka.

                                                                                                                                  Attila Seres

                                                                                                                   Bildquelle: yandex.ru